Frederic Lion. - © Nick Mangas
Frederic Lion. - © Nick Mangas

Das Theater Nestroyhof /Hamakom feiert heuer Zehn-Jahr-Jubiläum, es könnte aber auch das 121. sein. Die Bühne existiert schon seit 1898, ihre wechselvolle Geschichte ist geprägt von Neuanfängen, Enteignung und Zweckentfremdung. "Mein Ziel war es, das Theater hier wieder fest zu verankern. Das ist mir gelungen", zieht Intendant Frederic Lion im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" Bilanz.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde in den neu eröffneten "Nestroy Sälen" am "Leopoldstädter Broadway" nicht nur Theater gespielt, es gab auch einen florierenden Restaurantbetrieb und im Keller die verrufene Tanzbar Sphinx, Reste der Wandgemälde sind bis heute erhalten geblieben. Eine Wiederbelegung der erstaunlich geräumigen Kellerbar gehört übrigens zu Lions Zukunftsplänen.

In den prächtigen Jugendstilräumlichkeiten traf sich anno dazumal die Avantgarde, Karl Kraus und Frank Wedekind gaben sich die Klinke in die Hand. Von 1927 bis 1938 zogen schließlich die "Jüdischen Künstlerspiele" ein. Der Spielplan lieferte von jiddischen Revuen bis zu anspruchsvollen Dramen eine erstaunliche Bandbreite, so oder so ging es um Fragen jüdischer Identität. Nach dem "Anschluss" an Nazi-Deutschland wurde das gesamte Haus arisiert, der künstlerische Leiter und die meisten Schauspieler wurden vertrieben. Die Räumlichkeiten wurden als Kino genützt. 1975 schloss auch das Kino und für gut 20 Jahre zog ein Supermarkt ein. Wo heute Theater gespielt wurde, befand sich das Warenlager.

Einzigartige Bühnen-Position: "Der letzte Mensch". - © Hamakom
Einzigartige Bühnen-Position: "Der letzte Mensch". - © Hamakom

Seit Ende der 1990er Jahre wurde eine Revitalisierung des verfallenen Theaterraums erwogen, einzelne Versuche wurden unternommen, aber erst Frederic Lion gelang es, die Bühne auch mithilfe erheblicher privater Mittel wieder zu restaurieren. Seit 2009 führt er nun die Bühne unter dem Namen Theater Nestroyhof/Hamakom. "Die Geschichte dieses Ortes ist für mich Motivation und Inspiration, um in der Gegenwart unbequeme Fragen zu stellen, sie ist wie ein Anker, den ich auswerfe", so Lion.

Mit Stücken wie Robert Schindels "Dunkelstein", über den berüchtigten Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein und seine Rolle während der NS-Zeit, und René Kaliskiys komplexe Holocaust-Familiensaga "Falsch" setzte sich Lion immer wieder auf szenisch bemerkenswerte Weise mit der Shoa auseinander. Damit nimmt er in der Wiener Bühnenlandschaft übrigens eine einzigartige Position ein.

Jüdisches Theater?

"Ich lasse das Missverständnis, als jüdisches Theater wahrgenommen zu werden, gern zu", sagt Lion und verweist zugleich darauf, dass sein Spielplan weit darüber hinausweist, der dramaturgische Schwerpunkt liegt auf internationaler zeitgenössischer Dramatik. Von 2009 bis 2019 fanden 23 Schauspiel-Eigenproduktionen statt, über 30 Theater-Kooperationen, dazu 70 Einzelveranstaltungen wie Lesungen und diskursive Formate sowie sieben Ausstellungen, vier davon in Kooperation mit Yad Vashem. 100.000 Besucher wurden gezählt, die Auslastung lag im Schnitt bei 75 Prozent.

Die Jubiläumsspielzeit wird mit dem ersten Auftragswerk in der langen Geschichte der Bühne eröffnet. Auf dem Spielplan steht die Endzeit-Dystopie "Der letzte Mensch" von Philipp Weiss. Ingrid Lang, seit 2017/18 auch Co-Intendantin des Nestroyhof/Hamakoms, bringt das Stück zur Uraufführung. Lion: "Wir haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass hier in Zukunft weiterhin Theater gespielt werden kann. Darin liegt für mich auch eine Form der Wiedergutmachung."