Im Mai feierte die Wiener Staatsoper mit einer Neuproduktion der "Frau ohne Schatten" ihr 150-jähriges Bestehen. Am vergangenen Donnerstag fand die sechste Aufführung in dieser noch jungen Inszenierung statt - exakt am 100. Jahrestag der Uraufführung des Werkes. Unter der Leitung von Franz Schalk wurde die Oper am 10. Oktober 1919 erstmals dem Publikum vorgestellt. Richard Strauss war damals neben Schalk Direktor des Hauses. Christian Thielemann verwendet - wie schon bei der vor allem musikalisch hochgelobten ersten Aufführungsserie im Frühjahr - die Schalk’sche Originalpartitur, verzichtet auf Striche und führt das großartige Staatsopernorchester und das formidable Sängerensemble meisterhaft hin zu atemberaubenden Spitzenleistungen.

Das Regiekonzept von Vincent Huguet überlässt der Musik ungehindert das Feld, interpretiert nicht und behält die schauermärchenhafte Welt dieser vierten Zusammenarbeit von Strauss und Hofmannsthal bei.

Camilla Nylund ist eine wahrlich anmutige Kaiserin, die durch Verzicht schließlich alle erlöst. Sie meistert die Herausforderungen ihrer Rolle mit bravouröser Ausdauer, silbrig blühender Stimmkraft und phänomenaler Aura. Nina Stemme als Färberin ist eine Klasse für sich: ausdrucksstark, wortdeutlich und ungeheuer präsent. Die Szenen zwischen ihr und ihrem Mann Barak (erstmals Tomasz Konieczny mit seinem außergewöhnlichen, an flüssiges Metall erinnernden Timbre) gehen zu Herzen.

Bravouröse Ausdauer: Camilla Nylund. - © Staatsoper/Pöhn
Bravouröse Ausdauer: Camilla Nylund. - © Staatsoper/Pöhn

Mihoko Fujimura als Amme agiert mit stolzer Entschlossenheit, setzt mehr auf milde Kühle denn auf aufwieglerische Glut. Auf Stephen Gould, eingesprungen für den erkrankten Andreas Schager, als stattlichem Kaiser ist Verlass. Musikdramatik pur!