Nestroy kühl und glatt im Theater in der Josefstadt. Stephan Müller, ein Schweizer, setzte die nicht selten gespielte Posse "Einen Jux will er sich machen" aus dem Jahr 1842 mit viel Aufwand und wenig Charme in Szene. Adé Pawlatschen in der Vorstadt, heute ist die Josefstadt Bobostan und alles fein designt. Stylisch nennt man es neudeutsch, abg’schleckt altdeutsch. Die Damenkostüme von Birgit Hutter ein Traum in unicolorem zu Rüschen geballtem Tüll. Mit Schnürchen zum Heben und Senken des Saums, so als sollte er den Herren etwas zuflüstern. Oft bewegen sich die Figuren synchron wie Marionetten an Fäden geführt. Nestroys Sprachwitz wird dick aufgetragen und oft gepresst herausgeschrien. Ins Korsett solcher Musical-Hyperpräzision passt kein aus der Beiläufigkeit geschöpftes originales Couplet. Thomas Arzt schrieb neue Texte zum Vergessen; bis auf das Wort "Geldbeutelbefüllmaschine" - für Bankomat - in einer Attacke auf die Finanzwirtschaft.

Johann Krisch dient in seinem Josefstadt-Debüt der Spielhandlung als treu hinter der Budel einer Lebensmittelhandlung verblühter Gehilfe Weinberl. Ihm nimmt man die Versuchung zur Tollkühnheit ab, einmal nur ein "verfluchter Kerl" sein zu wollen. Welcher ausbricht aus der Abhängigkeit vom Patron, der Zangler heißt und ein solcher ist und seinen Gewölbekrabblern die Lebenslust verkürzt. In direkten Ansprachen springt der Funke über, holt sich Weinberl oft das Publikum als Komplizen in seine patscherte Glückssuche. Julian Valerio Rehrl bringt als Lehrling Christopherl die richtige juvenile Schlacksigkeit mit, an der Kippe zum Lebensernst.

Wie ein Kreuzworträtsel

Geht der Vorhang auf, füllt eine Wand aus gleich großen Holztafeln das Bühnenmaul. Wie ein Kreuzworträtsel mit einzig dunklen Feldern. Einsam sitzt davor ein Mann und schnarcht. Dieser Riesenlackel muss der Hausherr sein. Mal öffnet sich ein Rätselkästchen und der alte Hausknecht (knapp und gut Oliver Huether) bellt heraus. Mal fügen sich acht Kästchen zu einer Kastentür. Dahinter das Liebespaar, dem der Vater des Mädchens nicht hold ist: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Robert Joseph Bartl beherrscht mit seiner Körperfülle souverän Zanglers Herrenzimmer. Er ist ein zu grober Polterer in immer derselben Tonhöhe. Martin Zauner als Knecht Melchior hält dagegen mit verhaltenem tonsicherem Witz. Ihm zur Seite als nächste Vorstadtkomikerin Elfriede Schüsseleder, die Wirtschafterin.

Ehe Zangler zur Brautwerbung in die Stadt aufbricht, beschenkt er seine Helfer im Laden mit einer Beförderung und Standeserhöhung. Gibt’s was Schöneres im Angestelltenleben? Just diese Gunst will Weinberl mit seinem Ausbruch in die Freiheit riskieren. "Jux" nennt er sie, wohl ahnend, dass sie trügt. In rhythmischem Glückseligkeitsdusel geht der Aberwitz dieser Selbstgefährdung unter. Im Modesalon der Zangler-Braut wird weitergefahren auf der Puppentanzschiene. Dort bringen die schnürchenziehenden Damen Martina Stilp und Alexandra Krismer die Abenteurer statt in Versuchung zum Schwitzen. Im Haus des "Vermischten Warenhändlers" strapaziert die Bühnenbildnerin Sophie Lux Tischler und Scharnierschlosser, bei Fräulein Blumenblatt, wo die ganze Gesellschaft landet, die feinste Tapeziererei. Ein elegantes Boudoir, ausgepolstert wie der Panikraum in einem Irrenhaus.

Elfriede Schüsseleder versteckt keck das Leid einer alternden Jungfer. Neben ihr, als graue Maus gekleidet, Therese Lohner, mit Gang, Haltung, Gesicht eines nur geduldeten Menschenkinds. Aus einer knappen Episode macht sie was Großes. Ein Soufflee aus Klamauk und Ironie - bis zur Ankündigung einer Dreifachvermählung. Geteilte Begeisterung für Regie, Applaus fürs Ensemble.