Ist ganz schön gut gut genug? In Bertolt Brechts Parabelstück "Der gute Mensch von Sezuan" suchen die Götter nach dem wahrhaft guten Menschen. Finden werden sie zwar nur die Ware Mensch, aber die ist ihnen schlussendlich gut genug.

Für das Volkstheater hat der junge Regisseur Robert Gerloff das vielgespielte Lehrstück inszeniert und dabei nicht an Brecht-Reminiszenzen gespart. Brechts Konterfei strahlt dem Publikum gleich von Beginn an entgegen. Auf der Bühne dreht er in überdimensionaler Größe, aufgeklebt auf einem vieleckigen Wasserturm, unaufhörlich seine Runden. Während sich die Geschehnisse in Sezuan ebenso hurtig weiterdrehen, pafft der alte Theatermeister und passionierte Tabakfreund gemütlich an seiner dreidimensionalen Zigarre.

Lob der Sexarbeiterinnen

In dieser entlegenen chinesischen Provinz finden die drei Götter endlich den einzigen guten Menschen, der den göttlichen Standards entspricht: die Sexarbeiterin Shen Te (Claudia Sabitzer).

Ein Geldsegen wird ihr zum Dank überreicht, der sich aber alsbald als Fluch erweist. Denn nun beginnen die Gesetze des Kapitalismus auf sie und ihren neugekauften Tabakladen unerbittlich einzuwirken. Halsabschneiderische Miethaie, verhandlungsresistente Dienstleister und eine hungrige Familienbande lassen sie bald ans Existenzminimum gelangen. In ihrer Not maskiert sich die gute Shen Te als durchsetzungsstarker Cousin Shu Fu. Der bringt Ordnung in die schöne neue Warenwelt und diktiert obendrein Shin Tes Liebesleben.

Brecht hatte das Stück gemeinsam mit Ruth Berlau und Margarete Steffin während der Flucht vor dem Nazi-Terror fertiggestellt. Es zählt gemeinsam mit Lessings "Nathan der Weise" zu den bekanntesten Parabeln der deutschsprachigen Theaterliteratur.

Gerloff lässt Brechts Paradestück ganz in dessen epischer Theatertheorie aufgehen. Es fehlt nicht an Verfremdungsmittel, wie der lustigen Kunstsprache, überzogenen Gesten, pantomimischen Einlagen und viel direkt ans Publikum gerichteten Kommentaren zum Stück. Die von Paul Dessau komponierten Songs "Lied vom achten Elefanten" und "Sankt Nimmerleinstag", neuinterpretiert und live gespielt von Imre Lichtenberger Bozoki mit Band, machen den epischen Formenreigen komplett. Dazwischen tänzeln die drei Götter in "I can’t dance"-Genesis-Manier gemeinsam mit dem Wasserträger Wang (Lukas Watzl) durchs Bühnengeschehen.

Der V-Effekt, der Gesellschaftskritik aus dem Theaterraum ins Leben der Zuschauer hinaustragen will, stellt sich nicht so recht ein. Dafür hängt die Inszenierung zu sehr an der Form als am Inhalt. Statt die Handlung durch Illusionen nur zu unterbrechen, steigern sie sich bis zum Ende dieses bunten Abends in eine comichaft überzeichnete Operettenrevue. Schön und lustvoll anzusehen. Auch das von Brecht intendierte chinesische Setting wird mit einigen pfiffigen Stilmitteln zur Geltung gebracht.

Widerstreit der Ideale

Johanna Hlawica hat dafür wunderschöne kantige Vliesstoff-Kleider in Mao- und Star-Trek-Optik kreiert. Ein Seitenhieb auf die Wiener Teigtascherlaffäre bleibt nicht aus und auch die abgewandelte Liedzeile aus Lehárs Operette "Das Land des Lächelns" ist zu hören: "Wo ich bin, kann er nicht sein", lässt Sabitzer über ihre Doppelrolle als Shen Te und Shu Fu wissen. Eine schöne Analogie, sind doch kapitalistische und humanistische Ideale ebenso wenig vereinbar. Den Göttern ist dieser Zwiespalt jedoch egal, Hauptsache am Weltgeschehen muss nicht weiter nachjustiert werden. Ob alles so bleiben soll wie gehabt, gibt Witwe Shin (Gertrud Roll) dem Publikum am Schluss als Hausaufgabe mit auf den Weg.

Das grandiose Schauspielensemble arbeitet sich mit Körpereinsatz durch die schwungvollen Szenen und mitreißenden Musikeinlagen. Nur der Sinn des Ganzen bleibt bei all den schrill-bunten Regieeinfällen auf der Strecke. Mit dieser Premiere hat das krisengebeutelte Volkstheater aber eine ganz schön gute und äußerst kurzweilige Revue auf die Beine gestellt.