Als Nikolaus Harnoncourt vor drei Jahren starb, drohte auch sein Ensemble für immer zu verstummen. Mehr als 50 Jahre lang war der Concentus Musicus die kreative Heimstätte der Originalklang-Legende gewesen - nach dem Ableben des Gründers stand die Zukunft in den Sternen. Kurz vor seinem Tod hat Harnoncourt aber noch die Mitstreiter Stefan Gottfried, Andrea Bischof und Erich Höbarth mit der künftigen Leitung des Ensembles betraut, und die erhoffte Kontinuität stellte sich in weiterer Folge ein: Heute steht Gottfried, der studierte Tastenmusiker und langjährige Harnoncourt-Assistent, meist am Dirigentenpult. Am heutigen Donnerstag leitet er im Theater an der Wien die Premiere von Mozarts letzter Oper "La clemenza di Tito". Ein Gespräch über den Status quo und Zukunftsperspektiven.

"Wiener Zeitung":Vor drei Jahren stand der Concentus vor einer ungewissen Zukunft. Hat sich mittlerweile eine neue Normalität eingestellt?

Stefan Gottfried: So kann man es sagen. Im Theater an der Wien spielen wir regelmäßig Opern, im Musikverein sind wir in den Großen Saal zurückkehrt, nachdem wir dort eine Saison lang den Brahms-Saal bespielt hatten. Heute haben wir rund 1000 Abonnenten, das Interesse ist ungebrochen.

Ohne Ihren Erfolg schmälern zu wollen: Unter Harnoncourt haben Sie doppelt so viel Konzerte im Musikverein gespielt.

Wir maßen uns nicht an, damit konkurrieren zu wollen. Harnoncourt ist nicht nur eine Leitfigur des Concentus, sondern eine der prägendsten Gestalten der klassischen Musikwelt überhaupt. Wir freuen uns, den Großen Saal wieder füllen zu können. Und: Wir sind fixer Gast bei der Styriarte und den Barocktagen in Melk, gehen auch wieder vermehrt auf Auslandsreise, was sich in Harnoncourts letzten Lebensjahren naturgemäß reduziert hatte.

Fragen Sie sich als Dirigent manchmal: Wie hätte Harnoncourt das gemacht?

Diese Frage stellt sich jeder, der mit ihm gearbeitet hat. Manchmal wird das auch konkret thematisiert. Wir können uns weiterhin Anregungen aus dem Notenmaterial der gemeinsamen Jahre holen, auch das Archiv von Alice Harnoncourt (Witwe des Dirigenten, Anm.) steht uns offen. Nikolaus Harnoncourt bleibt aber nicht nur dadurch für uns lebendig. Der Stil, den er geprägt hat, ist uns wie eine Muttersprache in Fleisch und Blut übergegangen. Kontraste herausmeißeln, Affekte wecken, das rhetorische Prinzip betonen: Es ergibt sich von selbst, dass wir so spielen, wie uns der Schnabel gewachsen ist.

Harnoncourt wollte nicht nachgeahmt werden. Wie lässt sich das vermeiden?