Bei der Arbeit mit ihm ist in den Proben viel diskutiert und nachgedacht worden. Harnoncourt hat uns aber dazu ermutigt, das alles im Moment des Spielens wegzuwerfen und Musik intuitiv zum Leben zu erwecken. Das machen wir auch jetzt: Uns unmittelbar auf den Moment einlassen. Wenn man das tut, bleibt kein Raum für bewusste Imitation.

Stimmt es, dass Sie sich verstärkt dem 19. Jahrhundert zuwenden wollen?

Ja, diesen Plan hat noch Harnoncourt gefasst. An sich reicht unser Kernrepertoire vom Barock bis zur Klassik. Wenn man sich aber eine musikalische Sprache erobert hat, beginnt einen das Umfeld zu reizen. Beim Thema Beethoven fragt man sich: Was läuft parallel bei Schubert ab? Und wie ist dessen Klangsprache bei Mendelssohn und Schumann weiterentwickelt worden?

Sie dirigieren alle Termine im Musikverein. Überspitzt gefragt: Ist der Concentus jetzt ein Gottfried-Ensemble?

Wir sind wie eine vertraute Familie, und so spielen wir auch. Wir begleiten einander intuitiv, wagen uns dabei bis an die Grenzen des Pianissimos, reizen Pausen aus, lassen uns auf Agogik ein. Das entsteht durch ein fast schon telepathisches Miteinander - also mehr durch das Kollektiv als durch einen Dirigenten. Bei den großen Projekten braucht es dennoch eine vertraute Person, die das alles zusammenhält. Wir konfrontieren uns aber hin und wieder auch gerne mit anderen Dirigenten, etwa mit Adam Fischer, Daniel Harding oder Andrés Orozco-Estrada.

Sie sind, wie viele Dirigenten der Alten Musik, ein Quereinsteiger. Wie geht es Ihnen bei der Arbeit mit Regisseuren, die sich manchmal ja viel mehr für die Bühne als für die Musik interessieren?

Die Zusammenarbeit mit Sam Brown am Theater an der Wien ist jetzt ganz großartig. Er ist schon im Vorjahr extra von London nach Wien geflogen, um mit mir die Partitur durchzugehen. Ich war überrascht, wie sehr ihn der Subtext in Mozarts Musik interessiert.

Apropos Subtext. Es heißt, Mozart habe den Figuren des "Titus" weniger psychologische Tiefe verliehen als denen anderer Stücken, weil hier ja das Ideal eines Monarchen im Zentrum steht. Sehen Sie Mozarts letzte Oper genauso?

Nein. Mozart kann gar nicht anders, als Figuren Tiefe zu verleihen. Die drei Da-Ponte-Opern sind unübertroffene Meisterwerke, doch auch der "Titus" ist keineswegs seicht. Allein, wie der Kaiser zwischen Milde und Zorn changiert; und was für mörderische Abgründe die Arien der Vitellia offenbaren. Da öffnet sich musikalisch eine Türe zur Romantik. Es wäre spannend gewesen, wie Mozart weitergemacht hätte.