Epen sind seit jeher Quellen der Inspiration. Die Zahl der Romane, Bildnisse, Opern, Spielfilme bis hin zu Fernsehserien wie "Game of Thrones" und "Vikings" und sogar Computerspiele, die an den großen Erzählungen der Menschheitsgeschichte Maß nehmen, sind Legion.

Auch das Gegenwartstheater hat einen Narren an Schöpfungsmythen und Heldengeschichten gefressen. Was interessiert Theatermacher an diesen archaischen Wimmelbildern voller Fabelwesen und verrückter Götter? Warum reißt man sich so um diese uralten Verssammlungen, die im Grunde von Leid, Verrat und Intrige zusammengehalten werden?

Jüngstes Beispiel einer szenischen Tiefenbohrung im Mythen-Fundus ist die "Edda" am Wiener Burgtheater, Premiere ist am Samstag, 19. Oktober. Die "Edda" ist der isländische Schöpfungsmythos vom Anfang und Ende der Welt, eine hierzulande kaum bekannte Sammlung von Götter- und Heldenliedern rund um Odin und Freya. Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson wuchtet das Riesending nun auf die Bühne. Der Theatermacher ist ausgewiesener Mythen-Spezialist, er brachte die "Edda" in einer Fassung des isländischen Autors Mikael Torfason im Vorjahr am Schauspiel Hannover heraus, die bildmächtige Aufführung schlug ein wie eine Bombe und wurde mit dem deutschen "Faust"-Theaterpreis ausgezeichnet, für Wien erarbeitet Arnarsson eine Neufassung.

In Hannover entwarf das Duo aus dem hohen Norden eine bombastische Collage, in der die germanischen Heldenlieder aus dem 13. Jahrhundert mit gegenwärtigen Geschichten verstrickt wurden, auch ganz persönliche Dramen fanden Eingang, wie eine Episode aus Torfasons Kindheit, in der seine Familie aus religiöser Überzeugung, seine Eltern waren Zeugen Jehovas, eine Bluttransfusion verweigerten und sein Leben gefährdeten. Aufgepeppt wurde das Ganze noch mit Sekundärliteratur zu Wotan und Co. Diese Herangehensweise, einen Text zu dekonstruieren, fragmentieren und neu zusammenzusetzen, gehört zum Einmaleins des postdramatischen Theaters. Die uralten Epen eignen sich mit ihren sperrigen Versen, Wiederholungen, abrupten Sprüngen und eigentümlichen Figurenarsenal erstaunlich gut für diesen theatralen Zugriff.

Sparring-Partner

Im Grunde kann man mit den archetypischen Figuren und ihren wilden Abenteuern wohl alles Mögliche anstellen, auch das auf schiere Unterhaltung programmierte Theater zehrt von Motiven aus grauer Vorzeit. Marktführer ist wohl die Artus-Sage, die Ritter der Tafelrunde mussten als Folie für etliche Unterhaltungsformate herhalten, szenische Bestnoten erzielte Tankred Dorsts "Merlin" (1981). Von deutschsprachigen Bühnen ist auch die Nibelungensage nicht wegzudenken. Hebbels gleichnamiges Trauerspiel wird regelmäßig auf die Spielpläne gesetzt, im Kinder- und Jugendtheater gibt es eine Vielzahl an glattgebürsteten Bearbeitungen. Der Drachentöter Siegfried ist auch im 21. Jahrhundert ein Blockbuster.

Legitimiert ist dieser freihändige Umgang durch den jahrhundertelangen Transformationsprozess, den die ältesten Erzählungen der Menschheit bereits hinter sich haben. In der Regel beruhen die Epen der Vorzeit auf mündlichen Überlieferungen, meist gibt es viele Versionen und Varianten. Am Gilgamesch-Epos, dem vermutlich ältesten Text der Menschheit, wurde sogar 2000 Jahre lang gearbeitet. Eine unvorstellbare Zeitspanne! Auf die Bühne des Wiener Akademietheaters gelangte das Gilgamesch-Epos im Jahr 2002 in einer bündigen Bearbeitung von Raoul Schrott und modernen Inszenierung von Theu Boermans. Mit viel technischem Aufwand, spektakulärer Licht- und Tontechnik und Videoprojektionen wurde eine extravagante Märchenwelt auf der Bühne gezeigt und gleichzeitig die ewig gültige Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt.

Das ist wohl der Trumpf alter Schriftzeugnisse: Sie stellen geradeheraus erste und letzte Fragen und liefern die Antworten gleich mit. Welcher zeitgenössische Dramatiker hätte diese Chuzpe? Dazu kommt, dass sie schrecklich spannend sind. Grausamkeiten werden ungerührt aneinandergereiht, von einem Abenteuer zum nächsten erfüllt sich immer das Schlimmste, das zu erwarten war und gar nicht anders sein konnte. Das Leid bedarf im Epos keiner Deutung, es ist schlichtweg vorhanden. Das Theater braucht hingegen Interpretation und Neuauslegung. Insofern sind Epen für Theatermacher ideale Sparring-Partner. Wie der Zweikampf zwischen Arnarsson und "Edda" ausgeht, davon kann man sich demnächst im Burgtheater ein Bild machen.