Das ist ein Stuss, und wer ihn glaubt, ist eine hohle Nuss." Diese Vers-Perlen dichtet Iwan Unbehaust über die Jungfräulichkeit der Mutter Maria. Es fallen noch andere für katholische Ohren recht unschöne Schlussfolgerungen. Aber immerhin landet Iwan ohnehin bald in der Zwangsjacke, die er einen Großteil der Produktion "Meister und Margarita" im Akademietheater auch anbehalten wird.

Michail Bulgakows Fiebertraum von einem Roman wurde hier vom Regie-Duo Ene-Liise Semper und Tiit Ojasoo umgesetzt. Ein gewagtes Unterfangen, denn dieser Roman aus der Vorkriegs-Sowjetunion mit seinen zahlreichen Anspielungen, symbolischen Fallen und satirischen Parallelen ist ein Garant für das Scheitern an ihm. Ob Semper und Ojasoo gescheitert sind, ist nicht so rundheraus zu beurteilen. Es gelingt ihnen, über fast dreieinhalb Stunden, doch einen überraschend haltbaren Spannungsrahmen zu bauen.

Sie konzentrieren sich in der mit Handkamera und Großleinwand ausgestatteten Inszenierung vor allem auf jene Ebene in Bulgakows Roman, die sich dem Widerstreit Atheismus gegen Glauben widmet. In der es den Teufel braucht, der einen Gottesbeweis bringt. Norman Hacker gibt den Teufel hier als fetthaarigen Helden einer Bad-Taste-Party, rote Paillette trifft Schlangenleder und Goethes Pudel vom Kern verkleidet sich als Micky Maus auf seinem Shirt. Er ist so widerlich, wie er komisch ist, und singt "My Way" mit bedrohlich-lächerlichem, unendlich gelangweiltem Gestus. Seine Entourage ist ähnlich exaltiert, aber mit besserer Coiffure: Felix Kaemmerer stakst als Behemoth mit roten Kontaktlinsen und blonder Zöpfchen-Tollen-Perücke durchs Geschehen, Stefanie Dvorak als Hella mit Glitzerlidschatten kann beeindruckenden Schatten-Lapdance, beide sind sie Cheerleader im Team "666".

301 Schmähartikel

Philipp Hauß spielt Berlioz, der die Ersatzreligionen der Neuzeit (JeSuis, MeToo, Klimawandel) aufzählt und die Begegnung mit dem Teufel nicht lang überlebt. Und vor allem nicht in einem Stück. Mit seinem abgetrennten Kopf unterm Arm landet Kollege Iwan (gehetzt: Marcel Heuperman) im Irrenhaus, wo er auf den Meister (besonnen in seinem Wahn: Rainer Galke) trifft. Der erzählt ihm von seiner sensationell gescheiterten Schriftstellerkarriere (zu seinem Roman über Pontius Pilatus erschienen 301 Schmähartikel, da kann sich Peter Handke noch glücklich schätzen) und seine Liebe zu Margarita. Die Metaphysik dieser Verbindung will sich in der Inszenierung trotz allem Körpereinsatz von Annamária Láng als Margarita nicht so ganz Bahn brechen. Apropos Körpereinsatz, den bietet auch Tim Werths als blutüberströmter Jeschua, der in einer, man muss es wohl Traumsequenz nennen, denn eine tatsächliche Bedeutung ist schlichtweg nicht greifbar, eine beachtliche Slapstickeinlage hinlegt, die an Monty Pythons "Silly Walk" erinnert. Das weckt wieder Assoziationen an deren "Leben des Brian", ob das bezweckt wird, ist nicht klar. Ernster als jene nehmen Semper und Ojasoo die Glaubensfrage schon.

Es sind, neben den Auftritten von Hacker, diese etwas bizarren Momente, die haften bleiben. Wie auch die Ausdruckstanz-Schleife zum Lied "Jesus‘ blood never failed me yet", ein minimalistischer Musikloop, der unter anderem durch Tom Waits bekannt wurde. Eher kraftlos sind die Begegnungen zwischen Jeschua und dem migränegeplagten Pilatus (auch Hauß). Nicht so gelungen ist die gar naheliegende Übersetzung des Teufelsballs in eine profane Orgie mit Serienkillern à la Jeffrey Dahmer. Die Erlösung der Kindsmörderin Frieda (Hanna Binder), die durch rätselhafte Motive schon länger dramaturgisch vorbereitet wurde, holt das Stück dann wieder näher an den "Faust".

Es steckt viel drin in dieser Inszenierung, außer der Erkenntnis, dass es das Böse braucht, um das Gute zu erkennen. Wer aber mit dem Stoff nicht sehr vertraut ist und womöglich nicht trefflich belesen ist, dem wird nicht weniges davon rätselhaft bleiben. Das macht "Meister und Margarita" zu einer ambitionierten, aber alles andere als niederschwelligen Bearbeitung. Was sie geschafft hat, und das ist dann doch ein bisschen unheimlich: Der Aggressionspegel von Teilen des Premierenpublikums war erheblich.