Heyr, himna smidur, hvers skáldi bidur." Ungewöhnliche Laute erklingen im Burgtheater. Am Spielplan steht "Die Edda", die Sammlung isländischer Götter- und Heldensagen aus dem 13. Jahrhundert. Die Schauspielerin Alma Stefania Agustsdottir singt mit glockenheller Stimme Verse aus der sogenannten Völuspa auf Isländisch: Visionen einer Seherin, die von der Erschaffung der Erde handeln. Dazu wabert Theaternebel von der Bühne herab, minutenlang sind nur Schemen erkennbar und man versteht kein Wort; bald wird der Gesang von einer Tonspur verstärkt, und die Burg-Schauspielerin Dorothee Hartinger fällt in den isländischen Monolog ein, übersetzt den fremden Schöpfungsmythos ins Burgtheaterdeutsch: "In den Urzeiten war es so, dass es nichts gab, weder Land noch Wasser, es gab weder Himmel noch Erde, nur Chaos und gähnende Leere."

Der zweisprachige, präzise abgestimmte an- und abschwellende Anfangsmonolog weitet sich bald zum Schreiduell aus, die Welterfindung versinkt im Theaternebel. Dennoch vermittelt sich eine Grundspannung von Dringlichkeit und Vehemenz, die der dreistündige Abend später leider bald verlieren wird.

Galopp durchs Epos

Zunächst aber gehen auf der Bühne die Lichter an. Bühnenbildner Wolfgang Menardi bietet dafür eine Batterie an beweglichen Leuchtröhren auf, die den anfangs leeren Bühnenraum auf überraschende Weise be- und erleuchten. Der darauffolgende Auftritt gehört den Nornen, die Schicksalsgöttinnen sind mit durchscheinenden Plastikanzügen bekleidet und berichten salbungsvoll von schmelzenden Eisbergen, tobenden Stürmen und giftigen Flüssen: Die Uralt-Prophezeiungen erinnern an Worst-Case-Szenarien gegenwärtiger Klimaforscher. Alles schon einmal dagewesen.

"Die Edda" besteht im Grunde aus zwei Liedsammlungen - den Götterliedern, einer spröden Welterzählung voll archaischer Poesie, und den Heldenliedern, wilden Abenteuergeschichten um Kriegsgott Odin.

Der isländische Autor Mikael Torfason hat eine überaus gelungene Bühnenfassung in Form eines Schnelldurchlaufs durch die "Edda" erarbeitet, bei der Torfason keine bündige Erzählung liefert, sondern den Figuren das Episodenhafte und Bruchstückhafte belässt. Erklärende Kommentare ergänzen den Galopp durch das Epos, die der Schauspieler Dietmar König mit Ironie und Witz darbringt. Seine Handreichungen sind hilfreich, da die "Edda" und ihr umfangreiches Figurenarsenal hierzulande kaum bekannt sein dürfte, obwohl sich Bezüge von Wagners "Der Ring des Nibelungen" bis zum Marvel-Universum (siehe die diversen "Thor"-Verfilmungen) finden.

Weitere inhaltliche Klammer der "Edda"-Neubearbeitung sind autobiografische Bezüge des Autors: Der Vater des Autors, ein Zeuge Jehovas, verweigerte dem jungen Torfason aus religiöser Überzeugung eine lebenswichtige Bluttransfusion; später wandten sich Vater und Sohn gemeinsam einem neuen Heidentum zu, wurden Anhänger der isländischen Asatu-Glaubensbewegung, beteten wie die Ahnen zu Odin.

Autor Torfason und Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson haben im Vorjahr "Die Edda" bereits im Schauspiel Hannover inszeniert; die Aufführung wurde mit dem "Faust"-Theaterpreis ausgezeichnet. Die Wiener Version dürfte dem deutschen Vorbild ähnlich sein, vor allem zu Beginn liefert die Inszenierung bildmächtige Szenen, das Burgtheater-Ensemble weiß auch das Spielmaterial der Heldenlieder, in denen es um den Clinch in der Götterfamilie geht, zu nützen: Markus Hering stellt Odin als friedfertigen Patriarchen dar, genervt von den Eskapaden seiner Söhne Thor und Loki; die zierliche Marie-Luise Stockinger verkörpert den Haudegen Thor als Macho-Parodie und Neuzugang Florian Teichtmeister füllt den listenreichen Loki mit seinem gewaltigen Theatertemperament aus. Die Inszenierung hat ihre guten Momente. Über weite Strecken jedoch, vor allem nach der Pause, wird das Unternehmen zunehmend langatmig. Die Schauspieler stolzieren steif in ihren bombastischen Fantasy-Kostümen über die Bühne, rezitieren Texte, trommeln aufs Schlagzeug. Sang- und klanglos verpufft auch der Untergang der Welt: Bühnenarbeiter bauen Stück für Stück das Bühnenbild ab - ein Gag, gewiss, aber kann das Theater nicht mehr anstellen, um die Götterdämmerung - auf Isländisch Ragnarök - auf die Bühne zu bringen? Das Finale steht sinnbildlich für das ganze Spiel: viele Scherze, wenig Schärfe.