Was macht man mit einem Schloss voller Personal von vorgestern inklusive dämlichem Schlossgespenst, das weder insta- noch twittertauglich ist? Abreißen und neu bauen, am besten als Eventhotel. So weit zu den Plänen von Immobilienhai König und seiner sehr engen Mitarbeiterin Hansen. Doch das Leben spielt oft anders, selbst das Gespensterleben.

So gelang Marius Felix Lange mit seiner zeitgemäßen Vertonung von Oscar Wildes Erzählung "Das Gespenst von Canterville" als Familienoper ein Lehrstück zum Thema Akzeptanz, gemischt mit einer guten Prise Humor und jugendlicher Energie.

Was aber ist eine Familienoper? - Die Antwort ergab sich aus den vielen musikalisch fordernden Momenten. Hier liegt ein Stück lebendigen Musiktheaters vor, das weder ins rein Unterhaltsame abdriftet noch mit artifiziellen Avantgarde-Allüren den Bogen überspannt. Lange spielt mit großen, klangorientierten Linien, geht melodische Wege (einer der Höhepunkte wurde die Kantilene auf die verstorbene Mutter) und gibt so kleinen wie großen Ohren reichlich Hausaufgaben auf - einziger Wermutstropfen ist vielleicht das Fehlen von wirklich eingängigen Ohrwürmern.

Des Spukens müde

Das auch auf das jüngste Publikum gut zugeschnittene, durchgängig ernst zu nehmende Libretto schrieb Michael Frowin: Der Geist von Sir Simon hat das Spuken so was von satt. 400 Jahre großes "Huhuuu" (im Eröffnungschoral hinreichend besungen) können an die Ungeheuersubstanz gehen. Somit war er, vorstellbar geschwächt, den hysterischen Unbilden der Gegenwart nicht gewachsen, die, als Familie König personifiziert, seine Existenzkrise hin zum Witzgespenst maximierte.

Wohlstandsgebeutelt und ohne jeden Zugang zur mystischen Umgebung, ließ sich hier Familie König auf das Abenteuer Canterville in den plakativen Bildern von Regisseur Philipp M. Krenn ein. Das fein anzusehende Bühnenbild und Kostüme von Walter Schütze wurden durch die Gespenster-Videos von Roman Hansi kongenial verstärkt. Der verwitwete Businessmann König betrat mit drei pubertierenden Kindern und der ambitionierten Assistentin, die seinen zweiten Frühling forcierte, die Bühne à la Polanski. Reinhard Mayr, der bereits 2013 bei der Züricher Uraufführung den Georg König verkörpert hat, sprang als Vater ein. Herrlich gelang Rebecca Nelsen "verführerisches Schnucki" wie bissige Stiefmutter in spe, die schließlich ihr Fett abbekam.

Schöne Überraschungen

Die Zwillinge Leon und Noel (solide Hausdebüts von Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig) vergnügten sich in synchron wiedergegeben reimenden Worten, die ältere Schwester Virginia versuchte auf ihrer Suche nach der verlorenen Familienharmonie zwischen Vater, Gespenst und den lebenden Schlossbewohnern zu vermitteln.

Anita Götz ließ in der Rolle der jugendlichen Heldin keine Wünsche offen. Erst errettete sie Geist Simon aus ewiger Verdammnis, dann versöhnte sie Vater König mit den Kindern, schließlich erlebte das Publikum mit ihr die erste Liebe zu Verwalterssohn David (Paul Schweinester), dessen adeliges Geheimnis seine Mutter, die Haushälterin Mrs. Umney (super: Regula Rosin) final mit lüftete.

Eine Familienoper voller schöner Überraschungen: Langes "Geist von Canterville" ist ein Meisterwerk generationsübergreifenden Musiktheaters, das mit Dirigent Gerrit Prießnitz keinen besseren Verfechter für die Erstaufführung hätte finden können. In präzisen Einsätzen und stringenter Dynamik machte er das bestens einstudierte Volksopernorchester und -chor zu einwandfreien Erzählern der im Lauf des Abends immer deutlicher zugespitzten Geschichte. Unbedingt hingehen!