Es war eine kleine Schale aus irisierendem Porzellan. Sie stellte seltsam abgehackte Hände dar, umkränzt von bunten Blüten. Kurz - ein sensationeller Kitsch. Ein Objekt, das vor wenigen Tagen auf besondere Weise die Abwesenheit von Lotte Tobisch symbolisierte. Sonst war sie immer dabei, wenn in "ihrem" Künstlerheim in Baden der jährliche Flohmarkt stieg. Und sie hatte das Privileg, sich die "größte Scheußlichkeit", wie sie es selbst nannte, als Erste auszusuchen. Aber die größte Scheußlichkeit war eindeutig diese Schale - und die war noch da. Denn Lotte Tobisch ließ die Besucher vom Krankenbett grüßen.

Dieses Altersheim und der dahinterstehende Verein "Künstler helfen Künstlern" stand auch im Mittelpunkt von Tobischs Aktivitäten der vergangenen Jahre. Mit demselben Animo, mit dem sie 16 Jahre den Wiener Opernball organisiert hat, sammelte sie auf diversen Veranstaltungen Geld für "ihr" Heim ("Ich verkauf mich ununterbrochen").

Da machte sie keinen Unterschied bei ihren unterschiedlichen Missionen über die Jahrzehnte. Wenn auch natürlich die Mission Opernball ein bisschen mehr an ihrer öffentlichen Persona hängenblieb als alles andere. Und so kam es nicht von ungefähr, dass die meisten Nachrufe von der "Grande Dame des Opernballs" schrieben. Lotte Tobisch würde das nicht kränken, es stimmt ja. Auch wenn sie gern betonte, dass sie weder tanzen konnte noch sonst freiwillig auf einen Ball gehen würde. Und überhaupt verdankte sie den Job einer ganz und gar nicht glamourösen Saunasitzung vom damaligen Bundestheater-Generalsekretär Robert Jungbluth und Burgschauspieler Otto Kerry. Die hatten sich ausgemacht, dass die Tobisch - nicht zuletzt wegen ihrer Durchsetzungskraft als Betriebsrätin des Burgtheaters - die perfekte Wahl für diese Aufgabe wäre. Kerry soll sich für diesen Tipp einen Schilling verdient haben - nachdem Jungbluth wieder seine Hose bei der Hand gehabt hatte.

Es waren Anekdoten wie diese, die Gespräche mit Lotte Tobisch so erhellend-vergnüglich machten - und ein 93-jähriges Leben hat einiges an Anekdoten zu bieten. Das musste nicht immer nur Heiteres aus dem Künstlerzimmer sein. Das waren auch Berichte aus der Kriegs- und Nachkriegszeit, als sie das Flehen ihrer Mutter nicht erhörte und sich nicht der Flucht der adeligen Familie nach Bayern anschloss, sondern im für eine junge Frau ungleich gefährlicheren Wien blieb. Der Drang, dem Wiederaufbau beizustehen, und sei es ein intellektuell-künstlerischer, war einfach zu groß. Ihre Ausbildung machte sie bei Raoul Aslan, aber bereits Ende April 1945 stand sie auf der Bühne des Burgtheaters - das noch im Ronacher sein Ausweichquartier hatte. Der Erfolg ihrer spontanen Übernahme der Titelrolle im "Mädl aus der Vorstadt" von Nestroy brachte ihr einen Burgtheater-Vertrag. Auch für den Film wurde sie engagiert, der prominenteste ist wohl "Der letzte Akt" von G.W. Pabst, in dem Führerbunkerdrama spielte sie Eva Braun.

Befreundet war sie mit dem Philosophen Theodor W. Adorno, ihr Briefwechsel wurde auch als Buch veröffentlicht. Geliebt hat Tobisch aber den österreichischen Schriftsteller Erhard Buschbeck, der Altersunterschied bei dieser "Liaison" von 37 Jahren war schon eine Herausforderung für die Akzeptanz der damaligen Zeit.

So wenig Luft, so viele Worte

Seit Jahrzehnten lebte Tobisch am Wiener Opernring, dorthin lud sie nicht zuletzt Interviewer, um sie mit Kaffee und Keksen zu bewirten. Und ihnen den meistgeehrten Teddybären der Nation vorzustellen: Der durfte nämlich alle ihre gesammelten Orden tragen.

Ihre agile Lebensfreude und ihr generell zufriedenes Arrangieren mit dem Alter täuschten darüber hinweg, dass Tobisch mit einer Krankheit kämpfte. "Ich habe jahrelang bis zu drei Packerln am Tag geraucht, jetzt zahle ich den Preis dafür. Sie werden wenige finden, die mit so wenig Luft so viel reden können."

Am Samstag ist Lotte Tobisch in Baden für immer verstummt. Sie wird fehlen - als eine, die ihre Meinungen pointiert mitteilte, als eine, die die Kunst beherrschte, selbst im schnellen Urteil Intelligenz und Witz zu bewahren. Als eine, die etwas ganz Altmodisches praktizierte und auch einforderte: anständiges Benehmen, eine menschliche Wahrhaftigkeit. Und zwar auf allen Ebenen: "Man kann jemandem auch freundlich sagen, dass er ein Trottel ist."

Sie wird fehlen. Aber als Erinnerung an sie kann man beim nächsten Flohmarkt zumindest vielleicht zum Wohl "ihres" Heims die eine oder andere Scheußlichkeit aus ihrer Sammlung erstehen.