Ein Blick in das online einsehbare Archiv der Wiener Staatsoper zeigt es schwarz auf weiß: Die Uraufführung von Jules Massenets "Werther" fand am 16. Februar 1892 im Haus am Ring - damals Hofoper - statt. Paris hatte das Werk abgelehnt. Eine Pointe am Rande, wie man sie in der Musikgeschichte nicht selten findet.

Das musikdramatische Können des französischen Komponisten überrascht bei näherer Beschäftigung stets aufs Neue. Massenet setzte das auf Goethes Briefroman basierende Libretto raffiniert und vielschichtig um. Das Wiener Staatsopernorchester fand am Dienstag unter der Leitung von Frédéric Chaslin dafür die ideale Mischung aus duftiger Eleganz und leidenschaftlicher Opulenz.

Getragen von diesem unerschütterlichen Fundament breitete Vittorio Grigolo seine gesamte Palette an Leidensfähigkeit vor dem begeisterten Publikum aus. Regelrecht verschwenderisch geht der italienische Tenor mit seiner Stimmkraft um und wirft zugunsten von Inbrunst und Emphase alles in die Waagschale. Dass dieser Werther seinen letzten Ausweg nur im Selbstmord finden kann, ist von der ersten Sekunde an klar. Elena Maximova ist eine hochdramatische Charlotte, deren Stimme die Rolle in den Momenten traurigster Ausbrüche am schönsten ausfüllt.

Eindringlicher Gatte

Ihr Ehemann Albert findet in Adrian Eröd einen eindringlichen Darsteller, fühlbar zerrissen zwischen Liebe und Enttäuschung. Daniela Fally wirbelt als Sophie mit jugendlicher Frische über die Bühne, die von einem Jahreszeiten und Gefühlszustände anzeigenden Baum dominiert wird, und begeistert mit ihrer wunderbaren Höhe und einer klaren Diktion.