Seit 2004 lotet die Kompanie netzzeit in ihrem Festival "Out of Control" die Randgebiete dessen aus, was gemeinhin unter Musiktheater verstanden wird. Eine Oper im traditionellen Sinn, wie es sie durchaus auch im Neue-Musik-Betrieb gibt, wird man bei der Truppe um Nora und Michael Scheidl vergeblich suchen. So auch bei "701 britische Teelöffel – Viva la muerte!", dessen Konzept von Nora Scheidl und Petra Weimer stammt.

701 Teelöffel, so erfährt man im Voraus, sind ein britisches Raummaß und stehen für jenes Volumen, das ein toter Mensch nach der Verbrennung im Schnitt aufweist. Somit wären das Thema – der Tod – und der Zugang – jenseitig-makaber – gleich von Anfang an klar. Der Abend beginnt denn auch mit einem "Mordsspaß": Auf dem mit Erde bedeckten Boden, der sich im Off Theater bis unter die Füße des Publikums erstreckt, nimmt eine Hochzeitsfeier ihren krampfhaft lustigen Verlauf, der durch die Zuspitzung der Charaktere an manch Abgründig-Komisches aus dem österreichischen Film erinnert: Von der trotz veganer Lebensweise dem Zynismus zuneigenden Braut und dem die nicht-virtuelle Realität nur widerwillig aufsuchenden Bräutigam bis zur selbstoptimierten Mutter und dem zwischen Karrierismus und Krebserkrankung aufgeriebenen Vater sind alle in ihrem Leben verloren, einzig die Großmutter (einnehmend: Jutta Schwarz) steht über den Dingen. Die angestrengte Heiterkeit, die das unterschwellig köchelnde Familiendrama gerade noch übertönt, wird jäh unterbrochen durch einen ungebetenen Gast in Gestalt einer "Tödin" (vielseitig: Kristina Bangert), die die Familienmitglieder in ein Zwischenreich katapultiert, in welchem die zwischen Tod und Leben Gefangenen fortan die Schattenseiten des Daseins erkunden.

Wo endet die Fiktion?

Der musikalische Anteil dieses Theaters "mit und oder ohne Musik" (Selbstbeschreibung netzzeit) besteht hauptsächlich aus einer elektronischen "Soundscape" (Arturo Fuentes) atmosphärischen Charakters, die von tief dröhnenden Drones dominiert wird und mit den Klängen von Flöte (Sylvie Lacroix) und Trompete (Spiros Laskaridis) verschmilzt, gesungen wird nicht.

Abrupte Wechsel in der "Tonspur" unterstreichen die häufig eingesetzten harten Schnitte, die kontrastierende Episoden verbinden. In einer davon treten die Darsteller aus ihrer Rolle und erzählen von persönlichen Erfahrungen mit dem Tod – doch wo beginnt, wo endet die Fiktion? In Mexiko, heißt es schließlich, mache der Totenbesuch zu Allerheiligen viel mehr Spaß, denn dazu könne geprasst werden – woraufhin La Muerte und Konsorten den Zusehern und -hörern Snacks und harten Alkohol reichen. Prost!