Das stärkste Bild liefert nicht die Regie, sondern der Hauptdarsteller selbst. Plácido Domingo geht am Freitagabend auf die Knie, senkt den Oberkörper, beugt den gekrönten Kopf gramvoll zu Boden: Dieser König auf der Opernbühne hat eben vom Ende seiner Herrschertage erfahren.

Nichts veranschaulicht Glanz und Elend des 78-jährigen Bühnen-Veteranen besser als diese Szene an der Wiener Staatsoper. Eigentlich verkörperte der Spanier am Freitag hier ja Verdis Macbeth. Für ein paar Augenblicke schien sich aber eher Autobiografisches zu manifestieren. Domingo, es ist sattsam bekannt, steht seit Sommer unter MeToo-Verdacht. 20 Frauen werfen ihm sexuelle Belästigung vor. Obwohl diese Bezichtigungen unbewiesen sind, großteils anonym geäußert wurden und sich teils auf jahrzehntealte Begebenheiten beziehen, haben sie Domingos Namen in den USA ruiniert. Die New Yorker Met engagiert ihn nicht mehr, die Los Angeles Opera steht nicht mehr unter seiner Leitung. Die Presse-Erklärungen dazu, wiewohl um einen gesichtswahrenden Tonfall bemüht, haben die letzten Sargnägel in Domingos US-Karriere gestoßen.

Doch es gibt für einen Weltstar ja auch noch andere Plätzchen - wie Europa. Hier haben die Vorwürfe den Sänger zwar in ein Zwielicht gerückt, aber nicht aus dem Rampenlicht verscheuchen können. Das ist Balsam für Domingos Künstlerseele, die seit 60 Jahren Applaus und Zuneigung gewöhnt ist; und es ist Labsal für seine Anhänger. Die packten am Freitag schier jede Applausgelegenheit beim Jetzt-erst-recht-Schopf.

Aufblitzende Weltklasse

Kam dieser Jubel auch zurecht? Gewiss: Wer Plácido Domingo in Bestform hören will, der müsste rund 20 Jahre in der Zeit zurückreisen. Die Jahrhundert-Stimme, in den Vorjahren auf Baritonrollen umgestellt, wirkt heute wie von einem leichten Grauschleier umflort, hat an Durchschlagskraft und Farbsättigung eingebüßt. Gleichwohl lässt sie ihre alte Pracht mitunter aufblitzen, vor allem bei Attacken in höherer Lage: Domingo verleiht ihnen jene Innenspannung, Glut und Elastizität, die ihn zum Chef-Charismatiker der Opernwelt geadelt haben. Sinnespralle Momente, in denen man das Alter dieses Granden vergisst und auch die damit einhergehende, gedrosselte Beweglichkeit.

Rund um den Weltstar viel Mittelmaß am Freitag: Ryan Speedo Green stattet den Banquo mit einem verlässlichen Bass aus, Carlos Osuna den Malcolm mit etwas zu wenig Klangfülle. Daneben besitzt Tatiana Serjan (Lady Macbeth) gefühltermaßen genug Sopran-Power, um die öden Betonwände von Christian Räths Regie zu sprengen, schlittert im Spitzentonbereich aber immer wieder wie auf Eis. Allein Jinxu Xiahou brilliert mit einem schneidigen, sicheren Tenor als Macduff. Dirigent Giampaolo Bisanti erzeugt in einem grobkörnigen Klangbild leider eher Dezibelspitzen als Hochspannung, während es dem Chor an Einsatz-Präzision mangelt. Zuletzt schier endlose Standing Ovations, bei denen die Gratulanten, Jubelrufer und Handyfotografen vor allem Domingo ins Visier nehmen: eine Art Kontrastprogramm zum MeToo-Zeigefinger.