Nacht liegt über Spanien, Stille und Erstarrung, erzwungen von einem Terrorregime gebildet aus der Allianz von Krone und Kirche. Über den Köpfen der Verdächtigen kreisen die Drohnen. Die Missliebigen werden in der Kanalisation entsorgt.

Die meisten Regisseure schlagen heutzutage einen Bogen um Friedrich Schillers Dramen, sofern es sich nicht um die "Räuber" und "Kabale und Liebe" handelt, oder entstellen sie bis zum kaum noch verständlichen Trümmerbruch, wie es unlängst Barbara Wysocka im Volkstheater gemacht hat.

Martin Kušej geht den entgegengesetzten Weg: Er vertraut Schiller. Und das in einem Ausmaß, dass er sich nicht nur Kürzungen versagt, sondern, welch außerordentlicher Fall im Theater der Gegenwart, seine Regie zurücknimmt und ganz nahe am Text erzählt und dem Burgtheater einen wohl spröden, aber auch großen Abend bereitet.

Philipp II. lässt sich abspritzen: Thomas Loibl. - © APAweb / APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN
Philipp II. lässt sich abspritzen: Thomas Loibl. - © APAweb / APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN

Schiller total

Es ist ein beglückendes Wagnis des Regisseurs, Schiller total zu bieten. Den roten Faden mit dem Infanten Karlos, den die Liebe zu seiner Stiefmutter ins Räderwerk des Machtspiels treibt, in dem er zermahlen wird, kennt man aus Schulzeiten. Aber welche Intrigen sind es genau, die da ineinandergreifen? Wer hat wessen Brief zum Instrument der Vernichtung gemacht? Schiller braucht Zeit, um die Handlung zu argumentieren - und Kušej gibt sie ihm.

Philipp II. findet Gefallen an Posa: Thomas Loibl (l.) und Franz Pätzold. - © APAweb / APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN
Philipp II. findet Gefallen an Posa: Thomas Loibl (l.) und Franz Pätzold. - © APAweb / APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN

Der große Pluspunkt der (übrigens aus Kušejs Münchner Zeit mitgebrachten) Aufführung ist freilich auch ihr großer Schwachpunkt. Offenbar ist die Kunst verloren gegangen, Schillers Jamben zu sprechen. Bei Shakespeare ist das einfacher - da kann man übersetzend vieles mundgerecht machen. Was aber tun, wenn die unangenehmen Konsonantenfolgen das Original sind?

Franz Pätzold als kopfgesteuerter Idealist Posa gelingt der Umgang mit dem Wort am besten. Auch Marie-Luise Stockinger, eine Elisabeth von Valois mit der Ausstrahlung einer an der Leidenschaft rissig gewordenen Reinheit, kann mit Schillers Text umgehen. Nils Strunk, der zerbrechlich konfuse Karlos, der nicht merkt, wie er sich selbst als Spielball anbietet, scheitert hingegen. Martin Schwab stellt den Großinquisitor zwar mit imponierender Erscheinung, aber nahezu unverständlich dar. Katharina Lorenz ringt als Eboli um Verständnis für eine Frau, deren unerwiderte Liebe sich in etwas Böses verwandelt hat. Marcel Heuperman zeigt den Alba als Intriganten, in dessen Machtgier sich Angst mischt.

Briefe können tödlich sein: Katharina Lorenz (Eboli) und Nils Strunk (Karlos). - © APAweb / APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN
Briefe können tödlich sein: Katharina Lorenz (Eboli) und Nils Strunk (Karlos). - © APAweb / APA/BURGTHEATER/MATTHIAS HORN

Thomas Loibl ist Philipp II.: Ein Scheusal, dessen Erkenntnis der eignen Jämmerlichkeit längst das Gewissen abgetötet hat. Er ist ein Diktator aus der eigenen Schwäche heraus.

Kušej tropft Szene für Szene in seine weiten schwarzen Räume (Bühne von Annette Murschetz), in denen die Gestalten in angedeutet historisierenden schwarzen Kostümen (von Heidi Kastler) Kegel diffusen Lichts umkreisen oder gar nur ihre Stimmen zu vernehmen sind. Ein Deckenleuchter im Art-Déco-Stil stemmt sich, vergebens meist, gegen die Nacht, die sich alles unterwirft. Die Drehbühne fährt einen Schallschutzraum herein. Sein Blau ist der einzige Farbtupfer der Inszenierung. Der Pyramidenschaumstoff der Wandverkleidung - Pfähle, die sich drohend auf die Menschen richten.

Ruhe und Stille sind die Schlüsselwörter des Textes. Kušej lässt leise sprechen und die Worte abwägen. Er trennt die Szenen mit Momenten völliger Dunkelheit, in denen Bert Wredes Musik mit Klängen vager Spannung beunruhigt. Schon scheinbare Nebensächlichkeiten wie eine Handbewegung, ein gehobener Arm, ein gebeugter Rücken symbolisieren in all der Erstarrung den Stand der Handlung.

Viereinhalb Stunden lang fordert Kušej solch ein genaues Agieren von seinen Schauspielern - und vom Publikum höchste Aufmerksamkeit. Die bekommt er indessen nur teilweise. Wer sich auf Schiller einlassen konnte, jubelte. Die anderen rutschten in vernehmlicher Unruhe auf den Sitzen und verließen das Theater fluchtartig, mitunter schon in der Pause wie zum Beweis der Bedeutung dieser Aufführung. Denn es ist ein Abend, der polarisiert, wie es nur große Abende vermögen.