Vielen Tanzinteressierten - und Staatsoper-Besucher sowieso - ist der Name George Balanchine nicht unbekannt. Sein Name findet sich während der Amtszeit des derzeitigen Staatsballett-Chefs Manuel Legris immer wieder in den Programmheften. Doch wer ist Balanchine und worin liegt seine Bedeutung, sodass seine Werke heute noch unverändert in den Opernhäusern auf dem Spielplan stehen?

"So, wie der Papst Christus vertritt, bin ich der Stellvertreter Terpsichores, der Göttin des Tanzes", behauptete er einmal äußerst selbstbewusst und nicht zu Unrecht. Balanchine war schon lange vor seinem Tod als 79-Jähriger am 30. April 1983 in New York City eine Legende. Als Schöpfer und Gestalter einer neuen Ballettkunst wurde er gefeiert, als Künstler, der den Tanz vom romantischen Zwang des Geschichtenerzählens befreite.

Tänzer beim Ballets Russes

Am 22. Januar 1904 in Sankt Petersburg als Georgi Melitonowitsch Balantschiwadse geboren, erhielt er ebendort seine Ballettausbildung und begann schon in sehr jungen Jahren zu choreografieren. Im Alter von 20 Jahren nutzte er eine Westeuropatournee, um abzuspringen. Während einer Vorstellung in London wurde er von dem russischen Ballettimpresario Sergei Diaghilew entdeckt und für sein legendäres Ballets Russes engagiert. Zwischen 1909 und 1929 verhalf Diaghilew dem Ballett zu seinem Ansehen als ernsthafte Kunstform - als ein Zusammenspiel von Tanz, Drama, Musik und Malerei. Dafür versammelte Diaghilew außergewöhnliche Künstler um sich - Tänzer und spätere Choreografen wie Nijinskij, Massine und Balanchine, Komponisten wie Stawinski, Prokofjew sowie große Maler wie Benois, Bakst und Picasso.

Strenge, klare Linien

Balanchine folgte diesem Kunststil. Er tanzte, choreografierte und unterrichtete bis zum Tod von Diaghilew und der darauffolgenden Auflösung der Ballets Russes. Bald darauf lernte er den US-amerikanischen Mäzen Lincoln Kirstein kennen, der Balanchine überzeugte, die School of American Ballet (gegr. 1934) zu gründen - das spätere American Ballet Theatre. Beim New York City Ballet (gegr. 1948) arbeitete der Mitbegründer und Chefchoreograf bis zu seinem Tod. "Als Balanchine nach Amerika kam, veränderte er die Ästhetik der Tänzer: Er machte sie optisch länger und schneller", sagte Nanette Glushak, Probenleiterin für Balanchine-Werke, einmal im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Seine Werke gelten als technische Herausforderung für jeden klassisch trainierten Tänzer: Strenge und klare Linien, eine schnörkellose Bewegung auf meist kahlen Bühnen zeichneten die Tanzfantasien Balanchines aus. Alles überflüssige Beiwerk wurde aus diesem "reinen Tanz", der vor allem Kraft, Schnelligkeit, Präzision und Balance abverlangt, verbannt.

Prägendes Beispiel dafür ist das Ballett "Jewels" (1967), das am 2. November in der Staatsoper mit dem Staatsballett Premiere hat: Balanchine soll die Idee zu seinem ersten abendfüllenden abstrakten Ballett nach dem Besuch des berühmten New Yorker Juweliers Claude Arpels in der 5th Avenue in New York gehabt haben.

So verschieden und autark die drei Teile auch sind: Der Name "Jewels" ist Programm und wird oftmals als eine Hommage an die drei Juwelen im Leben Balanchines bezeichnet: Frankreich ("Smaragde"), Amerika ("Rubine") und Russland ("Diamanten"). Passend dazu auch seine Musikwahl: Gabriel Fauré - Igor Strawinski - Peter Tschaikowski. Als Sohn eines Komponisten und in Folge seiner Arbeit beim Ballet Russes legte er besonderen Wert auf die Musikwahl und -arbeit: "Die Zuschauer sollen die Musik auf der Bühne sehen", meinte er einmal, und "wenn man in ein Ballett geht, und beginnt bewusst dem Orchester zuzuhören, dann ist es eine schlechte Choreografie". Er wollte nur die Musik, so wie er sie gehört habe, in Bewegung umsetzen, sagte der Choreograf einmal. Ein russischer Kritiker brachte Balanchines Kunst 1962 treffend auf den Punkt: Seine Kreationen macht "die Musik sichtbar" und "den Tanz hörbar".