"Pigor singt, und Eichhorn muss begleiten." Nach diesem Schema (explizit im Untertitel determiniert) geht das Berliner Chanson- und Kabarettduo Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn seit 1995 zu Werke. Auch in ihrem neuen Programm "Volumen 9" kokettieren sie mit Pigors gespielter Arroganz gegenüber Eichhorn, die aus dem Skript einfach nicht wegzudenken ist und einen Teil ihres herben Charmes ausmacht (dafür bekommt Eichhorn beim Autritt im Wiener Stadtsaal aus dem Publikum ein Dessous zugeworfen). Auch vom Aufbau her unterscheidet sich die Nummer neun kaum von den bisherigen gemeinsamen Programmen. Die Inhalte sind freilich neu, wenngleich es dieselben Themen sind wie stets, die Pigor in seinen Texten umtreiben.

Zunächst aber bekommt Eichhorn seine fünf Minuten Ruhm und darf alleine seine Klavierkünste vorführen, bevor Pigor die neuen Allgemeinen Geschäftsbedingungen vorträgt - mittlerweile ein Klassiker. Die Zustimmung laut DSGVO erfolgt durch Klatschen. Im Partnerlook machen die beiden dann Werbung für die Kleinkunst, und zwar echte Werbung in Form von Einschaltungen (inklusive Parodien von Künstlerkollegen) zwischen ihren gesellschafts-, klima- und was-auch-immer-politisch bissigen Chansons und Altherren-Raps (im positiven Sinn, denn es sind zwei echte Herren, die da im grauen Nadelstreif mit Hosenträgern auf der Bühne stehen).

Mit Textzeilen wie "Iiiih, ein SUV!", "Coolness für die europäische Wir-Gruppe! " oder "Ruft mein Kind an?" regen sie sich über Umweltverpester, Nationalisten und Muttertagsvergesser auf, wobei sich Pigor oft in Rage singt, während Eichhorn für die sanften Töne zuständig ist. Mit gewohnt ausgefeilten Texten und Harmonien, an denen sich auch ein Hanns Eisler oder ein Kurt Weill delektiert hätte. Es ist aber nicht alles bierernst, sondern die beiden schieben auch immer wieder einmal einen lockerleichten Verarsche-Song ein über Hipster-Bärte, Regietheater oder Burkas. Da werden die Melodien sogar teilweise schunkelig oder peppig. Sie machen aber auch um heiklen Themen keinen Bogen, sondern stampfen munter mittendurch. Dazwischen geben sie auch ein bisschen musikalische Nachhilfe über Pop-Hits - eine gute Gelegenheit für Eichhorn, sein pianistisches Können leichtfüßig einzustreuen.

Sie nehmen gekonnt den Zeitgeist auf in ihren eingeübten Rollen als von der modernen Gesellschaft enttäuschte Künstler, die sich über alles und nichts aufpudeln, und zwar mit Inbrunst. Und mit aller geborenen Ernsthaftigkeit, die in zynische, bitterböse Satire gekleidet daherkommt. Ein wirklich unterhaltsamer Abend, der beim Wien-Gastspiel auch eine Einlage des gebürtigen Rheinländers Pigor in sauberstem Österreichisch bereithält.

Achja, noch ein technischer Hinweis: Falls Sie selbst Klavier spielen können, üben Sie doch daheim schon einmal die "Berliner Luft", denn irgendwann werden Pigor und Eichhorn vor dem großen Finale die entscheidende Frage stellen: "Ist ein Pianist im Saal?" Der darauf folgende finale Höhepunkt hat es in sich.