Man wird doch noch seine Meinung ändern dürfen! Aber: Warum ändert man seine Meinung? Bei Johannes Rosmer gibt es dafür so viele Gründe wie Anschauungswechsel. Also mindestens zwei. Der Kulturwissenschafter hat kürzlich die politischen Seiten gewechselt. Aus Sorge um den Verlust der eigenen Kultur unter der Ausbreitung der islamischen. Unter anderem. Sein Freund Kroll ist ihm auf die Schliche gekommen: Denn eigentlich wollte Johannes, der mit einer jungen Frau namens Rebekka völlig abgeschieden lebt, seine neue Meinung noch nicht unbedingt öffentlich vertreten. Gesellschaft ist sowieso nicht so seins, seit sich seine Frau Beate das Leben genommen hat. Rebekka aber hat dafür gesorgt, dass ein Text von ihm auf einer extrem rechten Onlineplattform, der "Phalanx", erschienen ist. Davon weiß Johannes freilich gar nichts, bis ihm Kroll mit Moralschaum vor dem Mund darüber in Kenntnis setzt.

Das ist die Ausgangssituation in "Rosmersholm", das Ulf Stengl für das Theater in der Josefstadt verfasst hat. Am Donnerstag wurde das Stück, eine sehr eigenständige, nur Motive von Henrik Ibsens Original aufgreifende Version, in der Regie von Elmar Goerden uraufgeführt. Stengl hat die politischen Vorzeichen umgedreht: Bei Ibsen wird Rosmer zu einem Liberalen, der von seinem konservativen Freundeskreis geschmäht wird. Der von Herbert Föttinger als gleichzeitig wankend und doch sicher argumentierend verkörperte Johannes wiederum neigt sich rechtem Gedankengut zu, was seinem linken Umfeld nicht behagt.

Im ersten Akt geht diese Taktik gut auf, im politischen Schlagabtausch schenken sich Johannes und Kroll (gebrochen anmaßend: Joseph Lorenz) nichts. Ihre Argumente hat jeder, der sich mit der Konfliktthematik schon einmal befasst hat, zwar schon zigfach gehört. Und doch gelingt es beiden, eine geschliffene, angriffige Konversation zu führen, keiner ist hier dem anderen unterlegen, hohle Phrasen, Widersprüche und Zirkelschlüsse werden auf beiden Seiten sofort enttarnt. Es ist, im Unterschied zu allerlei politischen Diskussionen, die das Fernsehen zuletzt zu bieten hatte, tatsächlich ein Gespräch zwischen Andersdenkenden. Das ist etwas, das heute im Filterblasen-Zeitalter völlig exotisch wirkt. Es ist die wahrscheinlich erschütterndste Erkenntnis dieses Stücks.

Grundrecht auf Bitchigkeit

Dass letztlich die Unterschiede gar nicht so groß sind, zeigt sich daran, dass die Phrasen in beide Seiten dreschen: Dass er den "Anschluss verloren hat", wird Kroll von seinen rechten Kindern vorgeworfen - und unwillkürlich sagt er dasselbe auch zu Johannes.

Im reduziert-inspirationslosen grünen Holzlatten-Bühnenbild (Silvia Merlo, Ulf Stengl) erkennt Kroll, was Johannes erst mit Verzögerung kapiert: Dass seine "einfache Bürgermeinung" doch beträchtlich von Rebekka (Katharina Klar) beeinflusst ist - oder wie Kroll es formuliert, sie ihn "hirngefickt" hat. Im zweiten Akt des Stücks erfährt man einiges über Rebekkas manipulative Kraft. Nachdem Johannes in seinem "politischen Zirkel" den rechten Schwanz reumütig eingezogen hat, erfasst sie eine elementare Enttäuschung über ihn. Die lässt herausbrechen, wie sie Beate verachtet hat und schließlich ihren Selbstmord verursacht hat. Sie hatte ihr suggeriert, dass Johannes und sie eine Affäre haben. Da griff Beate zum Benzinkanister und zündete sich an. Johannes muss zugeben, dass ihm ihr Tod nicht ganz ungelegen kam.

Der zweite Teil des Abends kann mit dem ersten nicht mithalten. Die komplizierte Beziehung der beiden zerfasert in sozialen Stereotypen. Katharina Klar - mit ihren kurzen Haaren und ihrer schnoddrig-rassistischen Präpotenz ganz passend an die Hitlerjugend erinnernd - gelingt es nicht, die Motivation von Rebekka schlüssig zu vermitteln. Sie verliert sich im holprigen Wechsel zwischen Hysterie, nachäffender Kindlichkeit, schwallartigen Obszönitäten und dem Grundrecht auf Bitchigkeit. Der Schluss, in dem ein erneutes Entzünden für ein zumindest aus Beates Sicht gerechtes Beziehungsende sorgen soll, ist eher unfreiwillig komisch denn berührend. Cognac hat eben nicht dieselbe Sprengkraft wie Benzin.