Es war einer der größten Skandale der Theatergeschichte: Arthur Schnitzlers "Reigen" von 1920 variiert in zehn Episoden das Thema Sexualität. Dass er sich damit einen Pornografie-Vorwurf einhandelte, betrachtete Schnitzler zeit seines Lebens als Missverständnis - ging es dem von Sigmund Freud geschätzten Autor doch um ein Sittenbild der Geschlechter- und Klassenverhältnisse seiner Zeit, die er in schonungslosem Realismus buchstäblich bis auf die Unterhose entblößte.

Was einst als sittenwidrig galt - die intime Begegnung von Personen abseits der Ehe -, regt längst nicht mehr auf. Dennoch wirkt das Drama nach wie vor frisch, was den Komponisten Bernhard Lang dazu bewog, es zum Gegenstand eines Musiktheaters zu machen. Dieses wurde vor fünf Jahren bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt und kam nun als Koproduktion der Neuen Oper Wien mit den Bregenzer Festspielen im Rahmen von Wien Modern auf die Bühne.

Michael Sturminger hat in seinem Libretto zwar die Sprache aktualisiert, bleibt ansonsten aber nah an der Vorlage - die zehn Stationen des "Reigens" werden in der Inszenierung von Alexandra Liedtke und der Ausstattung von Falko Herold und Florian Schaaf lediglich behutsam in die Gegenwart versetzt. Die Personen der Handlung werden von nur fünf Darstellern verkörpert - Countertenor Thomas Lichtenecker bereichert als geschlechtlich fluide Figur Schnitzlers Personal um ein queeres Element.

Der Geschlechtsverkehr als Mittelpunkt jeder Episode bleibt (wie schon bei Schnitzler) ausgespart: Während die Darsteller erstarren, werden auf die transparente Leinwand verfremdete Bilder von Sportdarbietungen projiziert: sich abrackernde Körper in absurden Verrenkungen, die einer undurchschaubaren Choreografie folgen. Davor und danach jedoch reißt der Dialog niemals ab, und dabei kommt es zupass, dass der Komponist eine weitgehende Abkehr vom traditionellen Operngesang vollzieht. Was als pures Musikereignis monoton wirken mag, dient hier dem Primat äußerster Textverständlichkeit. So changiert der stimmliche Ausdruck zwischen Sprechgesang und konkreten Tonhöhen, die in ihrer relativen Eintönigkeit dennoch nah an der gesprochenen Sprache bleiben.

Groteske Derbheit

Begleitet werden die Darsteller vom durch eine Jazz-Combo angereicherten amadeus ensemble-wien unter der Leitung von Walter Kobéra, das Langs bevorzugtes Stilmittel - die Loop-Technik - in vielfachen Variationen zu Gehör bringt. Auf die Sprache übertragen, bekommt der Loop die zusätzliche Funktion, unterschwellige Bedeutungsebenen in der Wiederholung hervortreten zu lassen.

Diskussionswürdig erscheint die Entscheidung, die Handlung so nah am Original zu belassen - denn selbstverständlich haben sich Auffassungen rund um Sex und Gender in den letzten 100 Jahren grundlegend gewandelt. So bleibt der mindestens latent gewalttätige Charakter der meisten Mann-Frau-Begegnungen bei Schnitzler unkommentiert erhalten. Immerhin schlagen auch hier der Witz und das hohe dramaturgische Niveau der Vorlage durch - vor allem dank der Leistung von Darstellern wie Alexander Kaimbacher, der die Persönlichkeiten des derben Polizisten und des in seiner Selbstüberschätzung ebenso derben Schriftstellers in grotesker Komik vorführt, oder Anita Giovanna Rosati, die erst als Haus-, dann als Schulmädchen auch im strammen Patriarchat durchaus selbstbestimmt agiert.