"Ich bekenne mich teilweise schuldig", mit diesem Geständnis beginnt Silvia Stantejskys Einvernahme. Am ersten Prozesstag im hell erleuchteten Saal 203 im Wiener Landesgericht kommt vor allem Stantejsky selbst zu Wort. Die Vorwürfe gegen die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters sind massiv: Sie soll die Nationalbühne um mehrere hunderttausend Euro geschädigt und Geld in die eigene Tasche gesteckt haben. Der Prozess ist auf vier Tage anberaumt, vier Schöffen wurden vereidigt, läuft alles nach Plan, wird am kommenden Dienstag, 19. November, ein Urteil gefällt. Kommt es zu einer Verurteilung, drohen der 64-Jährigen bis zu zehn Jahre Haft.

Vier Jahre lang, von 2014 bis 2018, hat die Staatsanwaltschaft in der Causa Burgtheater ermittelt. 2013 kam es bekanntlich zum Finanzskandal, in dessen Folge der damalige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann und seine Geschäftsführerin Silvia Stantejsky entlassen wurden und das Burgtheater auf einem Schuldenberg von über 20 Millionen Euro sitzen blieb, der mittlerweile abgetragen wurde.

Realitätsverlust

Erster Tag im Prozess am Wiener Landesgericht.

Die Ermittlungen gegen Matthias Hartmann wurden eingestellt, auch die Anschuldigungen gegen den ehemaligen Holding-Chef Georg Springer wurden entkräftet. Doch in der Causa Stantejsky hat sich der Verdacht der Bilanzfälschung, Untreue und Veruntreuung von Steuergeldern erhärtet: Stantejsky habe systematisch Jahresabschlüsse des Burgtheaters gefälscht; getrickst wurde vor allem bei der Abschreibung abgespielter Produktionen, bei Rückstellungen für Urlaubsgelder und Zeitausgleich, sowie bei nicht einbezahlten Steuern und Sozialabgaben. Die Anklage errechnete Falschbeträge in Millionenhöhe. Dieses Ausmaß wurde von der Verteidigung freilich hinterfragt, und Stantejsky plädiert hier auf nicht schuldig.

Weiters wirft ihr die Anklage vor, Beträge aus der Hauptkassa für private Zwecke entnommen zu haben. Möglich wurden die Geldentnahmen durch Blankounterschriften von Kollegen oder gefälschte Unterschriften, angeblich habe auch der Betriebsrat Zahlungen gestundet. Ähnlich freihändig dürfte die Angeklagte mit ihr zur Aufbewahrung anvertrauten Gehältern von Matthias Hartmann und Regisseur David Bösch hantiert haben. Sie benutzte Teilbeträge fallweise, um Löcher im Kassabuch zu stopfen oder um private Ausgaben zu begleichen. "Ich konnte irgendwann nicht mehr zwischen Privatem und Beruflichem unterscheiden", bekennt Stantejsky.

Die 45-seitige Anklageschrift deutet an, dass die Wienerin über ihre Verhältnisse gelebt habe, mit zwei Häusern, hohen Fixkosten und teuren Reisen. Die Verteidigung hält dagegen, dass es Stantejsky leidtue und sie sich ernsthaft bemüht habe, einen Teil des Schadens wiedergutzumachen. Seit 2012 befand sie sich in psychologischer Betreuung, schlitterte zunehmend in eine psychische Erkrankung, die, so die Verteidigung, mit einem "Realitätsverlust einhergegangen" sei.

"Ich habe mich nicht mehr rausgesehen", sagt Stantejsky und kämpft wiederholt an diesem langen Vormittag mit den Tränen. Sie erzählt von Arbeitstagen, die frühmorgens beginnen und bis spät in die Nacht andauern, von Überforderung und dem hohen Druck, jedes Jahr zum Bilanzstichtag, 31. August, eine "schwarze Null" zu schreiben. Wenn der Richter sie auf konkrete Belege anspricht, die offensichtlich gefälscht sind, räumt Stantejsky schon ein, mitunter "nicht korrekt" gehandelt zu haben. Wenn der Gutachter sie in Bilanzfragen auf "kreative Auslegungen" hinweist, gibt sie zu, nach eigenem Gutdünken gehandelt zu haben, wobei es ihr aber stets um das Wohl des Burgtheaters gegangen sei. Angeblich hatte sie vor, den Schaden mit Privatvermögen auszugleichen, es kam wohl auch bereits zu einzelnen Überweisungen, aber das System dürfte ihr über den Kopf gewachsen sein. "Das Burgtheater war mein Leben", sagt sie. "Das Schlimmste an der ganzen Sache ist für mich, dass ich es geschädigt haben soll."