Ohne Rausch kein Theater!

So hat es zumindest begonnen.

Die Griechen verfielen ungefähr im sechsten Jahrhundert vor Christus auf die Idee, ihren ursprünglich vor der Gemeinde chorisch vorgetragenen Dionysos-Hymnen das gewisse Etwas zu verleihen: Sie riefen den Gott von Wein, Freude und Ekstase jetzt mit einem Gegeneinander von Soli und Chor an. Wo ein Solist eine Rede hält, kommt bald ein zweiter Solist hinzu und hält eine Gegenrede, der Chor kann eingreifen oder kommentieren. Fertig ist das Schauspiel.

Gleichzeitig definiert sich damit der kleinste gemeinsame Nenner des Theaters: Mindestens einer trägt vor, mindestens einer schaut zu. Daher kommt auch die Bezeichnung: "theasthai" bedeutet im Altgriechischen "anschauen", "théatron" ist also der "Ort des Anschauens", die "Schaustätte".

Theater ist politisch

Wichtig für die Position des Theaters heute ist, dass Theater von Anfang an politisch war. Die Autoren der griechischen Antike nützten die Schaubühne, um exemplarisch das richtige Verhalten in einem rechtsstaatlichen Gemeinwesen darzustellen. Die Demokratie war dabei sowohl Ideal als auch, bei Aristophanes, Reibebaum.

Das Theater galt in Athen als dermaßen wichtig für die politische Bildung, dass es, trotz der sonst weitestgehenden Rechtlosigkeit der Frau, für Menschen beiderlei Geschlechts gleichermaßen zugänglich war, und zwar kostenlos. Mehr noch: Die Athener erfanden sogar die Subvention. Als nämlich die Theater zunehmend leer blieben, weil die Männer lieber ihren Geschäften nachgingen, als Zyklen von drei Tragödien und einem Satyrspiel zu erleben, beschloss man, den Verdienstausgang, den ein Theaterbesuch bedeutet hat, zu ersetzen.

Unbestritten ist also, dass das Theater von seinen Anfängen an die Gesellschaft nicht nur spiegelt, sondern sie auch zu erziehen versucht. Dementsprechend versuchen alle Theaterautoren, auf ihr Publikum Einfluss zu nehmen. Zwischen dem höfischen Theater eines Corneille und Racine und dem proletarischen Theater eines Brecht besteht ein Unterschied in der Machart, nicht aber im Wollen: Manipulatoren ihrer Zuschauer waren sie beide. Und ein Theaterautor, der sein Publikum nicht manipulieren will, hat von vorneherein versagt.

Friedrich Schiller definierte denn auch in seiner Rede vor der kurpfälzischen Deutschen Gesellschaft am 26. Juni 1784 folgende drei Punkte:

- "Eine Schaubühne ist eine moralische Anstalt und eine Schule praktischer Weisheit."

- "Eine Schaubühne ist eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung."