- "Eine Schaubühne ist eine ästhetische Anstalt."

Die große Frage ist, ob das Theater der Gegenwart auch noch den ersten beiden Punkten entspricht oder sich längst auf den dritten zurückgezogen hat, eventuell sogar, schlimmer noch, eine Blase der Eingeweihten bildet.

Sowohl moralische Anstalten als auch solche der Gesellschaftspolitik und der Aufklärung schaffen automatisch Reibeflächen zwischen dem Theater und dem Zuschauer. Wäre dem nicht so, bedürfte es gar nicht erst des aufklärerischen Ansatzes. Genau diese Reibefläche entzündet die großen Theaterskandale. Die entstehen nämlich immer dann, wenn der Autor das Publikum in eine Richtung zerren will, das Publikum aber auf seiner eigenen Position beharrt.

Anders gesagt: Thomas Bernhard und "Heldenplatz". Noch einmal anders gesagt: Peter Turrini und "Tod und Teufel". Oder Felix Mitterer und "Stigma" und "Die Kinder des Teufels". Oder Franz Xaver Kroetz, Wolfgang Bauer, Elfriede Jelinek, Herbert Achternbusch, Peter Handke und viele andere mehr. Manchmal müssen Autoren der Moral und der Aufklärung wegen ihrem Publikum wehtun - und wer weiß, ob manch ein Athener nicht wütend wurde bei der "Lysistrata" des Aristophanes, ob manch ein Römer nicht den Seneca wegen seiner "Phaedra" am liebsten zu den Löwen in die Arena geschickt hätte.

Reibeflächen schlagen Funken

Shakespeare, Lessing, Goethe, Kleist, Hebbel, Hugo, Ibsen, Strindberg, Tschechow, Wedekind, Schnitzler, Hauptmann - sie alle waren bedeutende Aufklärer, indem sie gesellschaftliche Zustände ausleuchteten, ihre Ursachen deuteten und den Zuschauer zum Nachdenken, vielleicht zum Umdenken bewegen wollten.

Doch in der Gegenwart ist das Theater erstaunlich frei von Skandalen.

Die Reibeflächen entstehen immer öfter nicht mehr zwischen Stück und Publikum, sondern zwischen Stück und Inszenierung, was, zugegeben, eine Reibefläche zwischen Produktion und einem Zuschauer ergibt, der beispielsweise mit Schillers "Don Karlos" nichts anfangen kann, wenn das Werk am Volkstheater als halbkomödiantische Posse gespielt wird.

Gerade das Regietheater, das Klassikern eine Aktualität abringen will, verlagert die Diskussion auf die ästhetische Ebene. Es bildet sich eine Kenner-Blase, innerhalb der man trefflich darüber streiten mag, ob der Ansatz der Regie zulässig ist, ob er das Stück in die Gegenwart transponiert, oder die Gegenwart dem Stück nur dekorativ überstülpt. Das Ergebnis sind Theaterabende, die ein Fachpublikum gedanklich anzuregen vermögen und allen anderen Zuschauern gewiss zeigen, dass Theater provokant sein kann und gewagt. Doch es bleiben Zweifel, ob ein umgedeuteter Shakespeare tatsächlich das Instrument der Aufklärung sein kann, das in Wahrheit vom Autor selbst gespielt werden müsste. Nimmt der Regisseur damit dem Autor die Aufgabe des Moral-Lehrers im Sinne Schillers ab, oder hilft er ihm lediglich, indem der Regisseur die Ideen des Autors in eine zeitgemäße Sprache übersetzt?