Ungebrochene Relevanz

Der Anspruch einer gesellschaftlichen Relevanz des Theaters ist freilich ungebrochen. Nur besteht auch das grundlegende Problem des Theaters fort: Trägt es seine Aufklärung tatsächlich an die Menschen heran, die dieser Aufklärung bedürfen?

Vor allem Brecht, der größte Dramatiker seit Schiller und Goethe, hat es versucht. Er wollte mit seinem Drama politischen Einfluss auf die Proletarier nehmen - doch seine Stücke sahen schon zu seinen Lebzeiten vor allem die Bürger, und die deuteten die politische Botschaft als ästhetischen Reiz. Wie soll politisches Theater unter solchen Umständen funktionieren? Münzte er den Schluss seines Dramas "Der gute Mensch von Sezuan" vielleicht auch auf seinen eigenen dramatischen Ansatz? "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

Möglicherweise werden deshalb heute mehr Klassiker gespielt denn je: Weil sich aus ihren überzeitlichen Fragestellungen auch Antworten für unsere Gegenwart herausschälen lassen. Denn in seinen grundlegenden Befindlichkeiten hat sich der Mensch seit den Zeiten des Aischylos nicht verändert. Das ist die wohl erstaunlichste Lektion, die das Theater erteilt. Gerade durch sie ist es von ungebrochener Aktualität.