"Ich bin nicht mehr wie die, ich habe einen Wahnsinnsweg gemacht", mit diesem Satz, zigfach wiederholt als Triumph und Selbstvergewisserung, beginnt "Im Herzen der Gewalt" im Wiener Schauspielhaus. Die kommenden 100 Minuten werden zur veritablen Höllenfahrt: Ein aufregender One-Night-Stand - Josef Mohamed verkörpert mit Verve den Gangster Reda - wird zur horriblen Gewalterfahrung: Édouard (Steffen Link in Bestform) wird im Lauf der Nacht vom Lover mit einem Schal gewürgt, beraubt, vergewaltigt.

Der Roman "Im Herzen der Gewalt" ist die Fortsetzung von Édouard Louis Debütroman "Das Ende von Eddy" (2015). Mit dieser emanzipatorisch-autobiografischen Coming-out-Geschichte wurde der heute 27-jährige französische Schriftsteller schlagartig bekannt. Mit "Im Herzen der Gewalt" gelingt ihm eine bedrückende Auseinandersetzung mit unkontrollierbarer Angst und Gewalt, ein existenzielles Ringen, ob und wie sich mit Sprache Gewalterfahrung erfassen lässt. Schauspielhaus-Intendant Tomas Schweigen glückt in einem routierenden Bühnenbild eine atmosphärisch dichte und erstaunlich realistische Umsetzung. Chapeau.