Mit seinem "Orest" gelang Manfred Trojahn 2011 ein exemplarisches Stück modernen Musiktheaters, fesselnd vom ersten bis zum letzten Moment, dunkel und dabei keinesfalls gefällig. Das zeigt auch die durchgängig düstere Staatsopernproduktion von Marco Arturo Marelli, die im Frühjahr dieses Jahres erfolgreiche Premiere hatte: Sie thematisiert Schuld und Sühne, zerfetzte Leiber und eingeschlagene Köpfe. Trojahns "Orest" setzt den Mythos dort fort, wo Richard Strauss’ "Elektra" endet, und liefert damit ein beklemmendes Psychogramm der Atriden-Sippe, die nicht von einem alten, blutrünstigen Fluch loskommt.

Keine Familienharmonie

Familiäre Behaglichkeit kommt dabei an Wiener Staatsoper nicht auf, weder seitens der Götter, noch durch die Schwestern oder den Titelhelden. Georg Nigl überzeugte in der sechsten Aufführung der Produktion erstmals als Orest und setzte Maßstäbe in der Rolle des innerlich kämpfenden Menschen. Daniel Johansson, premierenerfahrener Apollo/Dionysos, spielte wieder perfekt mit den Menschen im Hin- und Herwiegen zwischen Schuld und Verantwortungsbewusstsein. Michael Laurenz stellte erstmals einen erbarmungswürdigen Menelaos auf die Bühne, an die Wand gespielt von der neuen, brillant manipulativen Elektra (Ruxandra Donose). Laura Aikin gab abermals die traurig verwelkende Helena, gut auch Hermione (Audrey Luna), Klytämnestra (Sabine Zlamala) und exzellent die Damen und Herren des (Staatsopern-)Chores von Argos. Dirigent Michael Boder holte aus dem Ensemble und Staatsopernorchester alle Facetten des Schauderns heraus. Erschreckend gut.