So laut wie der Kärntner Bauernbub Josef Winkler 1979 mit seinem Erstling "Menschenkind" polterte das französische Landei Édouard Louis 2014 mit der Kindheits-Autobiographie "Das Ende von Eddy" in die Literatur. Beide beschrieben das Bewusstwerden ihres Andersseins während der Adoleszenz. Homosexualität entdeckt sich in der dumpfen Provinz schmerzenreicher als in der städtischen Anonymität. Neben dem versoffenen, gewalttätigen, bettelarmen Opfer eines Arbeitsunfalls in der Fabrik, das seine ganze Keuschlerfamilie tyrannisiert, erscheint uns Vater Winkler auf seinem Traktor als Kaiser der Scholle. Jung-Josef im Drautal überlebt die Fessel – bisweilen ein Haltenetz – Kirche. Den Dorfproleten in der Picardie droht indes kein Gott, ihnen hilft nur knausrig der Staat. Eddy gelingt über die Bildungsleiter – zuletzt Grande École, Soziologiestudium – die Flucht ins intellektuelle Pariser Milieu. Eddy Bellegueule heißt im neuen Leben Édouard Louis.

Der sich rasch und radikal politisiert und 2018 im 90-Seiten-Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht" in einem zornigen Redeschwall gleich die Antwort gibt: die Politik. Wer hat nach oben umverteilt, Sozialleistungen gestrichen, prekäre Zwangsjobs für Arbeitslose geschaffen, Arbeitszeitnormen in die Höhe geschraubt und, konkret, Medikamente, die Vater Bellegueule braucht, aus der Gratisliste gestrichen? Die Konservativen Chirac und Sarkozy, der Sozialist Hollande, der Liberale Macron sind genannt – und auf der Bühne des Wiener Volkstheaters auf gerahmten Staatsporträtbildern wie Schießbudenfiguren ausgestellt. Dazu wirbt ein Louis-Double in einem nachgestellten Interview für den Krawall der französischen "Gelbwesten". Man soll ihnen homophobe und rassistische Ausfälle nachsehen und sie für eine Revolution theoretisch aufrüsten – nach welcher sich zuletzt sogar der kranke Vater sehnt.

Das Volkstheater importierte mit "Wer hat seinen Vater umgebracht" nicht nur französische Aktualität. In der europäischen linken Debatte werden die Gelbwesten sowie die Migranten in den Banlieues und Lagern und neuerdings auch die Extinction Rebellion gegen die Erderwärmung als revolutionäre Hoffnungspotenziale gehandelt. Nicht nur Édouard Louis will sie um die Stimmen derer vermehren, die, wie sein Vater, Maßnahmen der Politik als Körperschmerzen erleben – doch "in den Worten der Linken kommen sie nicht mehr vor". Den Namen Le Pen, Vater und Tochter, schwindeln Christina Rast und Heike Müller-Merten in ihre politische Nachhilfestunde. In ihrer Bühnenfassung fließen die Leidensgeschichte und Selbstfindung des schwulen Eddy I mit dem agitatorischen Zorn von Eddy II in der Rede an den Vater zu beider Schaden ineinander.

Drastische Übervater-Symbolik

Die Schwestern Christina Rast (Regie) und Franziska Rast (Bild) setzen auf drastische Übervater-Symbolik. Eine Dreimeter-Stoffpuppe in blauer Arbeiterkluft mit gelbem Schutzhelm sitzt an einem überhohen Tisch. Die Rolle des doppelten Eddy ist auf fünf Darsteller (Peter Fasching, Sebastian Klein, Julia Kreusch, Sebastian Pass, Birgit Stöger) aufgeteilt. Die Sessel erreichen die Fünf nur kletternd (so führen Kindermuseen Erwachsenen die Perspektive der Kleinen vor Augen). Männerrede wird Frauenrede und umgekehrt. Ein ungustiöser Mix ohne Respekt vor dem strengen Bekenntnisfuror des Originals.

Die Regie lässt im Hohn auf die effeminierten Gesten des Sohnes ahnen, dass der Vater eigene Jugenderfahrungen tarnt. Und dass auch die Mutter dem Kind keine Stütze sein wollte. Die gleichaltrigen Quälgeister aus der Schule verfolgen Eddy wie Halloween-Gespenster. Die Wucht der kantigen Befreiungsprosa wird hochkulturell gebrochen mit einer Drag Queen im Glitzerkleid und Charles Aznavours Frauenadieu "Du lässt dich gehen".
Zu viel putziger Aktionismus und Kostümmummenschanz, in dem die beklemmende Schmuddelrealität untergeht. Auf das Schlusswort "Revolution" scheint das Premierenpublikum gewartet zu haben. Reichlich Klatschen, Schreien, Pfeifen.