Irgendwann im zweiten Akt schlägt das Langzeitgedächtnis Alarm. Diese drei Töne, diese zwei Akkorde dazu - kein Zweifel: Es ist das "Schicksalsmotiv" aus Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Gaspare Spontini hatte es allerdings schon sieben Jahrzehnte früher in Verwendung: Die Passage taucht 1805 in seiner "La vestale" auf - einer Oper, die eine Neusichtung lohnt. Stimmt zwar: An Spontini klebt das Kainsmal des Vielschreibers, und die Handlung strotzt nicht gerade vor Originalität. Im Rahmen einer Art "Aida" mit Happy End droht der Hauptfigur die Todesstrafe: Die Vestalin Julia hat ein Schäferstündchen mit einem Feldherrn abgehalten und habe darum ihre keusche Göttin und Rom verraten, befinden Moralapostel. Am Ende rettet eine himmlische Maßarbeit die Heldin: Ein Blitz, der auf dem Schleier der Todeskandidatin einschlägt, wird als Zeichen göttlichen Pardons gedeutet.

Die Musik vollzieht dazu einen verblüffenden Spagat. Sie hält dem klassischen Ebenmaß mit einem Fuß die Treue, streckt den anderen aber schon in die Richtung der künftigen Grand opéra aus: Aufgepeitschte Streichersätze und Chöre vermitteln Sehnsuchtswucht und Schicksalsmacht; in ihrer Kernszene steigert sich die Heldin, zerrissen zwischen Venus und Vesta, von klassischer Zierlichkeit zu ungestümer Dramatik. Wer das singen will, muss die feine Klinge genauso besitzen wie dralle Schlagkraft.

Schlüsselrollen stark besetzt

Das Theater an der Wien hat sich mit kompetenten Kräften an das Werk gewagt: Elza van den Heever bleibt der Titelpartie weder die Anmut schuldig noch ein Dezibel an Schalldruck. Dass ihr Timbre seltsam silbrig tönt und mitunter gedrängt, fällt rasch nicht mehr ins Gewicht. Michael Spyres lässt als Bühnenliebhaber keinen Wunsch offen: Über die Lippen dieses Licinius gehen auch Heldentöne schier anstrengungsfrei, während es ihm zugleich nicht an Faserschmeichler-Qualität mangelt. Die Moralapostel vom Dienst besitzen ebenfalls Format: Franz-Josef Selig orgelt den Hohepriester mit einem scheinbar geölten Prachtbass, Claudia Mahnke verleiht der Ober-Vestalin das Klangbild einer Respektsperson. Nur Sébastian Guèze, als Freund des Feldherren im Einsatz, fällt daneben ein wenig ab: Die Vehemenz seines Tenors übertüncht nicht einen gewissen Mangel an gesangstechnischer Sicherheit. Wobei es sein mag, dass dieses Manko mit einem enormen Körpereinsatz zusammenhängt: Dieser Cinna eilt dauersportelnd über die Bühne, wiederholt Liegestütz, schleppt Ringe oder wuchtet sich aufs Pferd. Warum das? Nun: Regisseur Johannes Erath hat jedenfalls wissen lassen, dass er den Cinna für einen ziemlichen Ehrgeiz-Bolzen hält.

Ähnliches lässt sich aber auch über die Inszenierung selbst sagen. Kaum ein Augenblick, da sie sich nicht bildermächtig durch die Kulturgeschichte grübeln würde, kaum ein Moment, da die rotierende Bühne (Katrin Connan) nicht widersprüchliche Assoziationen böte: Da prangen Rom-Insignien neben Islam-Andeutungen, Gallier-Bezüge neben heutigem Nippes. Den meisten Platz beansprucht allerdings das Christentum: Der Hohepriester trägt Kardinalskleidung (Kostüme: Jorge Jara) und berührt auf seinen Dienstwegen gerne die Vesta-Schwester unziemlich. Letztere wiederum beten eine kitschige Marienstatue an, deren Kunststoff-Herz Julia später leidend umklammern wird.

Die meiste Verwirrung stiftet allerdings eine weitere Ebene: Erath will offenbar nicht nur den kirchlichen Sexismus geißeln, sondern auch den des Bürgertums - und lässt den Hohepriester darum auch immer wieder als spießigen Opa mit Hornbrille auftreten. Dieser Oldie speist zuletzt an einem kleinen Tisch, an dem auch Frau Ober-Vestalin in pinken Patscherln Platz nimmt - und den Mann ersticht. Nun ja. Das alles ist bizarr, fantasievoll und detailreich, doch in Summe reichlich überladen und verständnishemmend - gerade bei einer Oper, die nur eine Handvoll Fachleute kennen.

Am Ende bläst Erath dann auch starker Buh-Gegenwind entgegen, während sich der fantastische Schönberg-Chor, die Sänger und die Symphoniker unter der drahtigen Leitung von Bertrand de Billy im Applaus sonnen. Trotz der Janusköpfigkeit dieser wiederentdeckten Römer-Oper: ein Erlebnis im Theater an der Wien.