"Sie war die Schaltstelle des Burgtheaters", sagt Matthias Hartmann über seine ehemalige Ko-Geschäftsführerin Silvia Stantejsky bei der Zeugeneinvernahme im Wiener Landesgericht. 2013 implodierte die Finanzlage des Burgtheaters, in der Folge wurde zunächst Silvia Stantejsky und bald darauf Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann entlassen. Am vierten Prozesstag in der Causa Stantejsky - ihr wird Bilanzfälschung, Untreue und Veruntreuung vorgeworfen - geht es zunächst darum, sich ein genaueres Bild von der Zusammenarbeit der beiden Geschäftsführer zu verschaffen.

"Ich hatte keine Veranlassung, zu misstrauen", sagt Matthias Hartmann im Prozess gegen Silvia Stantejsky. - © apa/Punz
"Ich hatte keine Veranlassung, zu misstrauen", sagt Matthias Hartmann im Prozess gegen Silvia Stantejsky. - © apa/Punz

Matthias Hartmann sagt aus, dass ihm zu Beginn seiner Direktion finanzielle Sorgen des Theaters überhaupt nicht bewusst waren. Und das, obwohl Ex-Holding-Chef Georg Springer am Nachmittag zu Protokoll geben wird, dass die finanzielle Lage der Holding bereits ab 2001 "angespannt" war, weil die Basisabgeltung seit der Ausgliederung 1999 nicht valorisiert, an jährliche Erhöhungen angepasst wurde. "Es kam dazwischen zu zaghaften, nie ausreichenden Erhöhungen", so Springer.

"Für jeden Schritt grünes Licht"

Im Zuge einer Aufsichtsratssitzung wurde Hartmann erstmals damit konfrontiert, dass das Haus Schulden hatte und die Finanzlage alles andere als rosig war. Bei der Planung der Spielpläne habe er stets "für jeden Schritt grünes Licht" von Stantejsky bekommen. "Ich hatte keine Veranlassung, ihr zu misstrauen."

Ein Streitpunkt war auch, inwiefern sich Hartmann überhaupt für die wirtschaftlichen Belange des Hauses interessierte. Stantejsky schilderte es bisher so, dass Hartmann sich um finanzielle Belange gar nicht scherte und ihre Versuche, ihn über die Ernsthaftigkeit der Lage zu informieren, geradezu abwimmelte. Folgt man indes den Ausführungen Hartmanns, gewinnt man einen ganz anderen Eindruck. Wiederholt kommt er darauf zu sprechen, dass er sich um Kostentransparenz bemühte, dann wurde er als "deutscher Kontrollfreak" abgekanzelt.

Stantejsky habe ihm bestenfalls ein "Konvolut" vorgelegt, das ihm nicht verständlich war. "Das waren für mich Hieroglyphen." Hartmann forderte stattdessen ein von ihm sogenanntes "Produktionssheet", eine Kostenübersicht, die er aus seiner Tätigkeit als Intendant in Zürich kannte. Hartmann beauftragte den externen Berater Peter Raddatz, der ihn übrigens auch auf Ungereimtheiten vor allem bei der Abschreibungspraxis hinwies. "Mir war die Art der Abschreibung so nicht bekannt", äußerte sich Hartmann dazu.

Raddatz schlug eine Kostenaufstellung vor, die von Stantejsky und einer hausinternen Controllerin schließlich auch erstellt wurde. "Das System war mit unserer Buchhaltung nicht kompatibel, wir haben jede Woche drei Stunden daran gearbeitet", so Stantejsky. Die Mühseligkeit dieses Unterfangens bestätigt später auch Georg Springer: "Es war ein Systemmissverständnis." Der Richter fasste das Team Stantejsky/Hartmann im Lauf der Verhandlung so zusammen: "Sie haben offenbar aneinander vorbeigeredet."

Ausgleich der Hauptkassa

Gegenstand der Zeugeneinvernahme waren auch Hartmanns Honorare für die Vorbereitungszeit in der Höhe von 273.000 Euro. Stantejsky bot ihm damals an, den Betrag für ihn zu verwahren, Hartmann stimmte zu, obwohl so ein Vorschlag keineswegs branchenüblich ist. Stantejsky legte das Geld schließlich in den privaten Safe ihrer Mutter, davon wusste Hartmann allerdings nichts.

Im Lauf der Jahre kam es zu drei Teilauszahlungen, 163.000 Euro blieben jedoch offen. Diesen Betrag hat die Angeklagte, laut eigenen Angaben, zusammen mit dem Honorar von Regisseur David Bösch und möglicherweise eigenem Kapital dazu verwendet, um die Hauptkassa des Burgtheaters zum Bilanzstichtag auszugleichen. Am Beginn des Prozesses legte sie darüber ein Teilgeständnis ab und entschuldigte sich am vorerst letzten Prozesstag auch ausdrücklich bei Hartmann.

Die Haftpflichtversicherung der Holding hat die Schuld beglichen. Hartmann macht keine weiteren Schadenszahlungen gegen Stantejsky geltend.

"Gute Seele"

Georg Springer holte in seiner Zeugenaussage zu einem Rundumschlag und entließ niemanden aus der Verantwortung - weder die Politik, die der Holding durch fehlende Mittel die Daumenschrauben ansetzte, noch Matthias Hartmann, indem er darauf verwies, dass Einsparungen unter Klaus Bachler funktionierten, noch die kaufmännische Geschäftsführerin Silvia Stantejsky: "Sie war der gute Geist des Burgtheaters, der alles ermöglichen wollte, vielleicht hat sie zu oft ja und zu wenig nein gesagt."

Die Verhandlung wird am 27. Jänner mit zwei weiteren Zeugenbefragungen fortgesetzt.