Wer ist "König Karotte"? 1872 kam der merkwürdige Monarch in einem Werk von Jacques Offenbach zur Welt, im 20. Jahrhundert moderte er weitgehend im Verborgenen dahin. 2015 wurde die despotische Wurzel in Lyon neu ausgegraben, im Vorjahr tischte sie dann auch die Staatsoper Hannover auf. Die dortige Inszenierung ist nun ab Samstag beim Koproduktionspartner an der Wiener Volksoper zu sehen. Ein Gespräch mit dem Regisseur Matthias Davids über eine opulente Politsatire und über das Musical-Fach, in dem der 57-jährige Mann aus Münster profunde Erfahrung hat.

"Wiener Zeitung":Ihre "Karotten"-Regie ist in deutschen Medien weitgehend bejubelt worden. Können Sie der Wien-Premiere jetzt entspannt entgegensehen?

Matthias Davids: Nein. Erstens hat dieselbe Produktion an verschiedenen Orten oft nicht den gleichen Erfolg. Zweitens habe ich das Stück jetzt mit komplett neuen Darstellern erarbeitet, abgesehen von Sung-Keun Park in der Titelrolle. Außerdem bewegen wir uns mit der "Karotte" an der Grenze des Machbaren, wir haben bis zu 100 Leute auf der Bühne.

Ein Freund von Raritäten: Matthias Davids. - © Peter Philipp
Ein Freund von Raritäten: Matthias Davids. - © Peter Philipp

Allen Ernstes, ohne Orchestermusiker?

Ja. Der "König Karotte" ist unglaublich opulent, darum ist das Stück wohl in den vergangenen Jahrzehnten nicht gespielt worden. Das Original dauert fünf Stunden, die Uraufführung wartete angeblich mit 1500 Kostümen auf. Jacques Offenbach und sein Texter Victorien Sardou haben einander offenbar einen Wettkampf geliefert, wer mehr Material produzieren kann. Bei uns dauert der Abend nur knapp drei Stunden.

Im Stück wird ein Party-Prinz zu einem besseren Herrscher geläutert; zugleich putscht sich eine despotische Karotte an die Macht. Ist das eine Polit-Satire oder Revue, Oper oder Operette?

Es ist ein absoluter Hybrid, mit Arien und Chören, Couplets und richtiggehenden Schlagern. Uns interessiert die Geschichte vom geläuterten Herrscher, und wir greifen die satirischen Elemente auf - jedenfalls die, die sich auf die Gegenwart beziehen lassen. Dass das Volk dem zuhört, der am lautesten brüllt, dass allerorts Diktatoren aufpoppen . . .

Steht Party-Prinz Harry auf Ihrer Bühne? Oder Donald Trump? Der hat ja immerhin einen orangefarbenen Teint.