Wasserstandsmeldung von der 51. Aufführung des derzeitigen "Eugen Onegin" an der Staatsoper. Im inzwischen zehnten Jahr hat man sich an die "hässlichen Bilder von Falk Richter" (Daniel Wagner) gewöhnt: Pittoresk und leise dauer-rieselt der zentnerweise angekarrte, Jahreszeiten-ignorierende Kunstschnee. Kaltblau-hübsch schimmern die Eisgebilde à la Eispalast in "James Bond - Stirb an einem anderen Tag". Und alle Mannen und Damen im (recht ordentlichen) Chor frieren einfach ein, wenn dem Regisseur nichts Besseres einfällt. Das ist praktisch, aber ein wenig einfallslos, um nicht zu sagen faul. Die unmotivierten Salti und das gekünstelte Party-Gehabe der Ballett-Statisterie ebenso, dito das Klischee Russland ist gleich Winter.

Von Katrin Hofmanns Bühne dominiert, wirkt diese sparsame Regie unterkühlt; sie trägt die Oper nicht. Es fehlt an Einsichten in die Familien- und Gesellschaftsdynamik. Da hat die gleichalte Münchner Krzysztof-Warlikowski-Inszenierung ein viel feineres Gespür. Somit bleibt diese Inszenierung ein Vehikel für großartige musikalische Leistungen. Einer Anna Netrebko in ihrem Rollendebüt 2013 gelang es, das zu beleben. Marina Rebeka (Staatsopern-Rollendebüt) nicht ganz. Die hervorragende Stimme, bewundernswert kontrolliert, ist stark im Kern - aber nur der kommt durch, wenn es laut wird. Das ist schnell penetrant und entbehrt jeglicher Wärme. Mit Boris Pinkhasovich als Bürohengst-Onegin, brav und ordentlich bis zum bewegenden Finale, konnte man sich anfreunden. Pavol Bresliks Lenski war auf seine nasal-unverwechselbare Art sehr einnehmend. Ferruccio Furlanetto, absurd kostümiert, kann als Fürst Gremin beeindrucken, aber nicht mehr ganz die Show im dritten Akt stehlen. Die Musik (Leitung Michael Güttler) wurde routiniert heruntergenudelt: Schattenseiten des Repertoiresystems.