Einen der ersten Höhepunkte in einer sonst eher unaufgeregten Nestroy-Theaterpreisgala lieferte der schwedische Künstlers Markus Öhrn im Theater an der Wien. "Ich widme den Preis all den tapferen Frauen, die den jahrzehntelangen Machtmissbrauch an Theatern mit ihrer Anklage publik gemacht haben", sagte er in seiner Dankesrede für den Nestroy in der Kategorie Spezialpreis. In Öhrns Silent-Movie-Theatre "3 Episodes of Live", das bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde, verhandelte er einen fingierten MeToo-Fall vom Casting bis zum Gericht. "Die MeToo-Bewegung darf nicht in Vergessenheit geraten", so Öhrn weiter, "sonst kehren die Täter wieder." Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler verlieh den Spezialpreis, der sich an Theaterformen jenseits der Guckkastenbühne richtet, und verkündete unter viel Beifall eine 10-prozentige Erhöhung des Wiener Kulturbudgets.

"Heimat für den Verstand"

Auch Autorin Sibylle Berg, die für ihr "Hass-Triptychon - Wege aus der Krise" ausgezeichnet wurde, setzte in ihrer Rede gesellschaftspolitische Schlaglichter. "Wir gewöhnen uns an alles", warf sie dem Auditorium vor, "an das wechselnde Klima, an rechte Politiker, wir machen einfach weiter." Schließlich entwarf sie die Vision eines antipatriarchalen und kühnen Theaters - "ein visionärer Ort, eine Heimat für den Verstand" - was offenbar so weit von der Realität entfernt ist, dass sie selbst während ihrer Rede in Lachkrämpfe ausbrach, und auch die Lacher im Publikum blieben nicht aus.

Moderator Florian Teichtmeister regte noch die Verleihung eines weiteren Spezialpreises für "eine unbekannte Kollegin" an, die offenbar täuschend echt eine russische Oligarchin zu verkörpern vermochte - abgesehen davon blieb die 20. Nestroy-Theatergala weitgehend unpolitisch, erstaunlich harmonisch und bedauerlicherweise frei von Kontroversen.

Am meisten bleiben nämlich jene Preisverleihungen in Erinnerung, in denen die Geehrten in ihren Ansprachen abseits von Dankesworten auch etwas Gehaltvolles von sich geben - wie Volkstheater-Schauspielerin Birgit Stöger, die sich 2017 für einen geflüchteten Schauspielerkollegen einsetzte, oder André Heller, der in den Anfangsjahren die Gala ziemlich politisch anlegte. Auch die Zeiten des selbstironischen Events (siehe die schillernde Moderation von Michael Ostrowski vom Theater im Bahnhof) sind offenbar vorbei. In der Jubiläumsgala führte das Moderatorenteam - Burg-Schauspieler Teichtmeister, Josefstadt-Aktrice Maria Köstlinger und ORF-III-Moderator Peter Fässlacher - routiniert-professionell durch die etwa dreistündige Veranstaltung, musikalische Glanzlichter setzten Katharina Straßer und Sona MacDonald.

"Kraftlose Ideale"

Als beste Schauspielerin überzeugte Volkstheater-Mimin Steffi Krautz, ihre Kollegin Evi Kehrstephan errang den Titel beste Nebendarstellerin, zum besten Schauspieler wurde Burg-Akteur Steven Scharf gekürt für seine Darbietung in Johan Simons "Woyzeck", die fragile Bühnenarbeit wurde auch mit einer Trophäe für die "beste Regie" ausgezeichnet. Der niederländische Regisseur jubelte: "Leute, ich freue mich total."

Zur besten deutschsprachigen Aufführung wurde der zehnstündige Theatermarathon "Dionysos Stadt" von Christopher Rüping in den Münchner Kammerspielen gewählt. Beste Bundesländer-Aufführung wurde das Rechercheprojekt "Die Revolution frisst ihre Kinder!" am Schauspielhaus Graz. In der Kategorie Bühnenbild gewann Raimund Orfeo Voigt.

Der Preis für die Beste Off-Produktion ging an die mehrteilige Theater-Sitcom "The Bruno Kreisky Lookalike" der Gruppe Toxic Dreams in der Regie von Yosi Wanunu. Bester weiblicher Nachwuchs wurde die Salzburgerin Anna Rieser, die ein Engagement am Landestheater Linz hat, den männlichen Nachwuchspreis erhielt der Wiener Regisseur Moritz Beichl für seine Inszenierung am Landestheater Niederösterreich.

"Wir sollten ein neues Adjektiv einführen", forderte Burg-Schauspieler Roland Koch in seiner Laudatio auf Andrea Breth, die 67-jährige Regisseurin wurde für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Das Adjektiv "brethisch" sei demnach gleichbedeutend mit hartnäckig und klug. Breths Dankesrede hielt eine düstere Gegenwartsdiagnose bereit: "Die Kulturideale, an denen die Menschen früher Halt fanden, werden von Jahr zu Jahr kraftloser", so Breth. "Wenn die Kultur wegbricht, wird der Platz frei für Gewalt."