Ein Kabarettist hat einmal gewitzelt, dass es eigentlich ganz egal sei, wer eine populistische Partei anführt. Diesen Job könnte auch ein "voller Aschenbecher" erledigen. "Hauptsache ausländerfeindlich."

Komponist Jacques Offenbach und Autor Victorien Sardou haben sich eine ähnliche Pointe ausgedacht - sie nahmen damit aber die Monarchie aufs Korn. Auch eine Karotte könnte König sein - wenn dieses freche Gemüse mit einem herrischen Tonfall daherkäme und mit einer Krone auf dem Wurzelkopf. 1872 betrat dieser "König Karotte" erstmals eine Pariser Bühne und servierte dann auch einige politische Spitzen. Seine zentrale Attraktion aber war die Ausstattungspracht: Der Abend, bei der Premiere angeblich mit 1500 Kostümen geschmückt, führt vom Fantasiereich Krokodyne zu pittoresken Zielen wie einer Zauberwerkstatt, dem antiken Pompeji, einer Affeninsel und einem Ameisenhaufen.

Regisseur Matthias Davids hat diesen Revue-Wildwuchs an der Volksoper auf drei Stunden gestutzt und konzentriert sich auf den wichtigsten Handlungsstrang. In dessen Zentrum steht nicht der orangefarbene Emporkömmling, den eine Hexe im Gemüsegarten belebt hat, sondern Fridolin XXIV. - der legitime, doch lasterhafte Thronfolger. Der leidet natürlich, weil ihm ein despotisches Doldengewächs in die Quere gekommen ist. Die Schlappe bietet aber Gelegenheit für eine Läuterung entlang einer schillernden Reiseroute.

Kunterbunte Kurzweil

Davids’ Regie, schon 2018 in Hannover zu sehen, hüllt dieses Revuetheater in kunterbunte, kurzweilige Bilder; zeitgenössische Anspielungen halten sich in Grenzen. Zwar trippelt die hübsche Prinzessin Kunigunde anfangs als Glitzertussi über die Bühne, zwar brüstet sich Fridolin im Flirt, er könne tanzen "wie Justin Bieber". Und zwar setzt es hier und da Seitenhiebe auf die Casinos Austria und einen gewissen Wahlslogan ("Ohne uns kippt die Karotte nach links"). Im Kern bleibt der Abend aber dem Entertainment der Offenbach-Zeit verpflichtet und reichert deren bewährte Schauwerte mit grellen Tupfern an: Die höfischen Perücken schillern in allen Windgebäckfarben, die böse Zauberin Kalebasse keppelt sich in Gestalt von Christian Graf als kess-queere Hexe Kniesebein durch den Abend.

Bis zur Pause schnurrt dieses Treiben erfreulich zügig dahin, verdichtet sich hier und da zu prägnanten Bildern (Bühne: Mathias Fischer-Dieskau, Kostüme: Susanne Hubrich): Da bleibt etwa dieser Gruselmoment im Gedächtnis, wenn sich die Gemüsesorten in schauderlichem Gegenlicht erheben. Oder die bizarre Szene mit dem alten Meistermagier Quiribibi: Der lässt sich stückchenweise in einen Ofen hineinwerfen und verbrennen, entsteigt den Flammen danach aber generalüberholt als Jüngling. Sein Zauberwissen ist dadurch zwar futsch, sein Körper aber wieder fit für die Mädels: eine typische Pikanterie der Marke Offenbach.

Es ist aber wohl auch ihm geschuldet, dass der Abend nach der Pause an Frische einbüßt: Im Zickzack der Spielorte zerfasert "König Karotte" zunehmend. Und die Musik kann dafür nur selten entschädigen. Unter Dirigent Guido Mancusi flutscht sie einem zwar flott in das eine Ohr hinein, beim andern aber oft wieder sehr rasch heraus. Da hat Offenbachs "Orpheus", ebenfalls am Währinger Gürtel zu besichtigen, mehr Prägnanz zu bieten.

Dennoch ein hübsches Geschenk, das die Volksoper dem Tonsetzer zu dessen 200. Geburtstag gemacht hat: Geschmackvoller lässt sich diese "Karotte" wohl kaum herausputzen, und an Bewegungsenergie mangelt es im Ensemble nicht: Zuletzt Beifall für Johanna Arrouas als rührige Rosée-du-Soir, Amira Elmadfa als quirligen, guten Geist, Sung-Keun Park als krähenden Karottenkönig - und für Mirko Roschkowski als klangschönen Prinzen, durch den hier auch Opernfreunde auf ihre Rechnung kommen.