Selten ist ein Text so brutal gegen das, was schwarz auf weiß in ihm steht, gelesen worden. Selten haben ganze Generationen von Lesern einem Stück so blind Gewalt angetan", hält die Literaturwissenschafterin Barbara Vinken in ihrem Essay "Bestien. Kleist und die Deutschen" (2011) über Kleists "Hermannsschlacht" fest.

Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Bühnenpraxis tut sich mit "Die Hermannsschlacht" schwer. Im Grunde galt das Stück von Beginn an als unspielbar - bis auf eine kurze Unterbrechung während der Nazi-Herrschaft: Die Bühnenfigur namens Hermann wurde zum stramm-deutschen Nationalhelden stilisiert, der die totale Mobilmachung propagiert; Kleist "stählerne Poesie" (so ein Diktum der Epoche) avancierte zum meistgespielten Stück. Nach Kriegsende mutierte das Stück zum ideologischen Schreckgespenst.

Nationalistische Erfindungen

Was hat es mit "Die Hermannsschlacht" auf sich? Eine Annäherung an die historischen Begebenheiten um die namensgebende Schlacht im Teutoburger Wald - dazu Einblicke in die Rezeptionsgeschichte des umstrittenen Dramas, das kommenden Donnerstag, 28. November, als erste Neuinszenierung von Burgtheater-Intendant Martin Kušej im Haus am Ring Premiere feiert.

In der Geschichtsschreibung taucht das Gefecht 9 n. Chr. im Teutoburger Wald - nahe der heutigen niedersächsischen Kleinstadt Bramsch - ursprünglich als "Varusschlacht" auf (benannt nach dem römischen Feldherren Varus). Bereits der Begriff "Hermannsschlacht" ist Erfindung nationalistisch gesinnter Denker: In dem Kriegsgetümmel wurde die römische Übermacht von germanischen Stämmen mit List und Tücke in einen Hinterhalt gelockt - und in einem drei Tage währenden Kampf aufgerieben. Auch die Frage, ob der germanische Aufrührer überhaupt "Hermann" hieß, ist umstritten, es waren die Römer, die ihn Arminius beziehungsweise Armin nannten - auf Deutsch: Hermann.

Als verbürgt gilt, dass Hermann, Sohn eines Cheruskerfürsten, einige Jahre in Rom zubrachte und dort militärisch ausgebildet wurde. Um 7 n. Chr., im Alter von 24, kehrte Hermann zurück in seine Heimat, die damals von den Römern besetzt war. Es gelang ihm, die germanischen Stämme für die eine Schlacht zu vereinen. Die Niederlage war folgenschwer, da die Römer bald danach aufgaben, Gebiete jenseits des Rheins zu erobern. Das Bündnis der Germanen hielt nicht lange und Hermann wurde bald selbst Opfer einer Intrige.

Das Hermann-Kuriosum faszinierte Dichter und Denker. Daniel Casper von Lohensteins "Großmüthiger Feldherr Arminius" (1689), die Epen Wielands und Schlegels sind heute kaum noch bekannt, auch Grabbes bombastisches Hermannsschlacht-Drama und Klopstocks detailgenaue Dramentrilogie verstauben in Bibliotheksregalen.