Geradezu lehrstückhaft trägt Kuejs Regie den Krieg in die Familie hinein; man wohnt der Zerstörung intimer Bande bei, erlebt die systematische Funktionalisierung von Frauen und Kindern - nicht nur in den drastischen Anfangsszenen. Hermann schickt seine Kinder als Pfand, die von Bündnispartner Marbod (Rainer Galke) nicht gerade zimperlich behandelt werden. Die Römer mögen als Besatzungsmacht ihr Unwesen auf deutschem Gebiet getrieben haben, Hermann und die Seinen treiben es weitaus schlimmer. Sein Zerstörungsfeldzug ist allumfassend, die Mission Hass. Was für eine Gegenwartsdiagnose! Bedauerlicherweise bleibt die Brisanz aber zwischen den Zeilen stecken und findet nicht wirklich auf der Bühne statt.

Dystopische Vision

Mehr als drei Stunden lang zelebriert Kušej immer wieder behäbiges Aufsagetheater. Über weite Strecken werden das 25-köpfige Ensemble und die Statisten sinnfällig auf der Bühne arrangiert; szenische Spannung entsteht dabei selten. Markus Scheumann als Hermann kann sich in diesem Szenario nicht wirklich entfalten. Er stellt die Titelfigur als verkniffenen Machtmenschen dar; zunehmend hat man den Eindruck, dass er derart darum bemüht ist, die abgründige Heldenfigur zum Antihelden zu formen, dass leider wenig von der dunklen Faszination dieser Gestalt überbleibt.

Die Bühne hat Martin Zehetgruber mit grauen Tetrapoden vollgeräumt, die üblicherweise im Küstenschutz als Wellenbrecher Verwendung finden - die Kampfszenen auf und zwischen den Steinbergen wirken bisweilen gestellt, die szenischen Bilder auf den sperrigen Betonblocksteinen geraten elegisch, manches ist schlicht banal: Im Schlussbild marschieren die siegreichen Germanen als Burschenschafter in Couleur und mit Degen auf.

Dem Großunternehmen "Die Hermannsschlacht" geht mit fortschreitender Länge leider der Atem aus. Die Inszenierung wirkt, als wäre sie vor ihrer eigenen dystopischen Vision entsetzt, an deren Ende die Rechten unaufhaltsam zurückkehren.