Die Opern der Neuen Musik nach 1945 seien, sagt ein höhnisches und doch wahres Wort, Ur- und Alleinaufführungen. Es lag am System: Ohne Kritik kein Erfolg. Und die reisenden Rezensenten lockte man, ehe sie ihren Kennergeist durch Apologien auf Regietheater-Inszenierungen beweisen konnten, mit Uraufführungen eher als mit Nachgespieltem. Zahlreiche Opernhäuser schufen sich durch diese Strategie eine Bedeutung, die schon bei der nächsten Mozart- oder Wagner-Premiere eine herbe Relativierung erfuhr.

Die Wiener Staatsoper hielt es umgekehrt: Sie setzte auf Klassiker und mied den Uraufführungsreigen. Vielleicht lag es an ihren Dirigenten-Direktoren. Weder Karl Böhm noch Herbert von Karajan noch Lorin Maazel waren Parteigänger der Neuen Musik. Claudio Abbado war nur im Konzertsaal ein Moderne-Verfechter. Als Staatsopern-Codirektor interessierte ihn Rossini mehr als Rautavaara.

Nur keine Katze im Sack

Neue Oper scheint im Haus am Ring bestenfalls Pflichterfüllung zu sein. So spielte man, wenn Zeitgenössisches angesagt war, ganz vermeiden konnte man’s halt doch nicht, lieber eine anderswo erfolgreich erprobte Oper nach: Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites" etwa oder Ildebrando Pizzettis "Mord in der Kathedrale", Hans Werner Henzes "Der junge Lord" oder Tomas Adès‘ "The Tempest". Allenfalls koproduzierte die Staatsoper mit den Salzburger Festspielen und gewährte ihnen, vielleicht auch, um im Ernstfall des Total-Versagens abspringen zu können (was indessen nie vorkam), das Ius primae noctis. Mit Friedrich Cerhas "Baal" ging man so vor, mit Luciano Berios "Un re in ascolto" und mit Krzysztof Pendereckis "Die schwarze Maske". Selbstverantwortete Uraufführungen mied die Staatsoper sogar dann, wenn die überzeitliche Geltung der Komponisten längst feststand: Weder Orff noch Britten noch Ligeti wurden beauftragt, und der von Lorin Maazel 1983 initiierte Wettbewerb versandete: Miro Belamarić gewann mit "Don Juan - ein Rebell für alle Zeiten", doch die mit dem Sieg eigentlich verbundene Uraufführung an der Staatsoper kam nie zustande.

Ein Sonderfall war 1986 Leonard Bernsteins "A Quiet Place", eine Halburaufführung, nämlich die der letztgültigen Fassung. Es war wenig mehr als ein Liebesdienst für den Komponisten, den man als Dirigenten ans Pult der Staatsoper locken wollte. Obendrein schlug man damit zwei Fliegen mit einer Klappe und schloss die von einer Japan-Tournee geschlagene heimatliche Lücke.