Wenn ein Satz mit den Worten "Die österreichische Komponistin" beginnt, endet er im Regelfall mit einem Namen: Olga Neuwirth. Das kommt nicht von Ungefähr, denn die 51-Jährige besitzt internationales Renommee; ein Berg an Preisen, Hommagen und Aufträgen belegt es. Umso erstaunlicher, dass die gebürtige Grazerin erst jetzt auf dem Olymp der heimischen Klassikszene landet: Am 8. Dezember gelangt an der Staatsoper "Orlando" zur Weltpremiere, die erste abendfüllende Uraufführung einer Komponistin am Haus.

Zwar wurden hier schon einmal Pläne für eine Neuwirth-Novität geschmiedet. Sie mündeten aber in einem Scherbenhaufen. Die Tonsetzerin hatte gemeinsam mit der Autorin Elfriede Jelinek ein Stück über den pädophilen Professor Franz Wurst vorbereitet. Der Auftraggeber - die Salzburger Festspiele - wollten das Werk aber nicht spielen, und auch die Wiener und die Pariser Staatsoper zeigten, nach anfänglichem Interesse, die kalte Schulter. Jelinek zog bittere Konsequenzen: Sie werde nie mehr für das Musiktheater schreiben, entschied die Literaturnobelpreisträgerin; wer ihr gegenüber das Wort Oper auch nur erwähne, bekomme eine Ohrfeige, sagte sie dem Magazin "News" 2004.

Neuwirth ist dem Theater dagegen treu geblieben. Das ist kein Wunder, denn sie bespielt dieses Terrain seit ihrer Jugend erfolgreich. Schon in den 90ern machte sie mit Mini-Opern nach Jelinek-Texten auf sich aufmerksam. Sie entwickelte dabei ein Faible für labyrinthische Geschichten ("Lost Highway") und komplexe Klangbilder: Neuwirth schreibt nicht nur in dem Sinn "neue Musik", dass sie auf vertraute Harmonien verzichtet. Sie webt auch Fremdkörper in den orchestralen Klangteppich ein, eine E-Gitarre ebenso wie ein Saxofon oder Sprechgesang nach Art des Hip-Hops. Neuwirth hat nicht nur an den Hochschulen gelernt, sondern auch von privaten Vorbildern wie dem Jazzer John Zorn oder der Hip-Hop-Crew N.W.A. - Musikern jenseits der Klassik, doch auch fern des Mainstreams.

Außenseiter im Zentrum

Auch auf der Bühne sieht die Komponistin gern Außenseiter: Es kommt nicht von ungefähr, dass ihre Hommage an Herman Melville "The Outcast" (2010) heißt. Ihre "American Lulu" wiederum (2006-2011) bescherte der sündigen Skandalfigur von Alban Berg ein jazziges Nachleben und lud es mit feministischem Furor auf.

Geschlechterbilder sind nun auch bei der Staatsopern-Premiere ein Thema - und werden von der Titelheldin gesprengt. Orlando (nach dem Virginia-Woolf-Roman von 1928) verwandelt sich als junger Mann in eine unsterbliche Frau und befragt in der Folge die Konventionen der nächsten Jahrhunderte - wobei die Oper die Geschichte bis zur Gegenwart führt.

Rund um die Premiere wirbelt Neuwirth den Wiener Opernalltag auf: Nicht nur, dass sie als Ausstatterin Rei Kawakubo durchgesetzt hat, die Gründerin des Modelabels Comme des Garçons. Das Hausorchester steht vor der Herausforderung, seine Zweiten Geigen verstimmen zu müssen und sich mit E-Gitarre und begleitender Elektronik anzufreunden. Neuwirth sieht ihren "Orlando" gewissermaßen als Therapeutikum gegen die institutionelle Erstarrung des Hauses: "Das Stück verlangt (. . .), dass alle Beteiligten über ihren Schatten springen, das ist das Thema von ‚Orlando‘. Alle Abteilungen müssen aus ihrer Komfortzone raus - das fällt manchen schwerer und manchen leichter." Ob das Publikum den Konventionsbruch goutiert, wird sich in Bälde zeigen.