Der Film mit Omar Sharif machte "Monsieur Ibrahim" seit 2003 bekannt – den alten Sesselhocker vor seinem Lebensmittelladen in der Pariser Peripherie. Man nennt ihn den "Araber". Doch ist er Türke und Sufi und steht damit in der spirituellen, asketischen Tradition des Islam. "Sufismus bedeutet, nichts zu besitzen und von nichts besessen zu werden", schrieb der Mystiker al-Dschunaid 300 Jahre vor Franz von Assisi. Vergebens hofft Europa, dass diese friedfertigste Variante des Islam gegen den Fundamentalismus Raum gewinne.

Monsieur Ibrahim entführt den von der Mutter und zuletzt auch vom Vater verlassenen Judenbuben Moses zur Unio mystica in einem "Tanz der Derwische". Ein Einzelfall als Vorstadtmärchen und Roadmovie, das für Ibrahim in Istanbul und Anatoliens Bergen endet. Moses, der nach seiner Adoption Mohammed heißt und Momo gerufen wird, kehrt allein nach Frankreich zurück. Er erbt den Laden und Ibrahims Korandruck mit zwei gepressten blauen Blumen (deren Bedeutung nicht erklärt wird) zwischen den Blättern.

Mit dem Charme der Jugend

Für die Bezirkstournee des Volkstheaters wird die Buchvorlage von Éric-Emmanuel Schmitt – Mitglied der Acádemie Goncourt - in der Regie von Jan Gehler nacherzählt. Einzig Sitzmöbel stehen dann und wann vor der schwarzen Schultafelwand, auf der mit weißer Kreide Schauplätze angedeutet werden. Vaters Bibliothek ist reduziert auf binäre Zahlenkolonnen mit Einsern und Nullen. Mystik für Nichtinformatiker!

In diesen sparsamen Rahmen platzt das Auftrittsfeuerwerk von Bagher Ahmadi als Moses. Er wuchs in Afghanistan auf und kam über Iran zum Schauspielstudium nach Wien. Ein kräftiger Sprecher mit dem Charme der Jugend und der Undurchschaubarkeit des Orients. Zu erdenschwer für jede mythische Entrückung? Sufis, so heißt es, wandern unerkannt unter den Massen. Michael Abendroth als Ibrahim verströmt die Bonhomie eines TV-Serien-Opas. Tiefe gewinnt er erst spät im Anderthalbstundenabend. Wir kennen den Derwisch-Tanz nur aus kommerziellen Folklore-Shows. In ihrer schlichten Strenge kommen der Alte und Junge dem geheimnisumwitterten Original vielleicht näher. Dominik Warta als Episodenzuträger beginnt als blasser Vater und steigert sich perückenverhangen in Transvestitennummern. Doch endet er in schrecklichen Karikaturen eines "Weana" Beamten und "kaantnarischen" Fahrschullehrers. Damit sind die nachhaltigen Botschaften dieser Kleineleute-Utopie verblödelt, verpufft.