Die Postkartenansicht einer alten Kleinstadt in den Bergen lässt auf bayrische Provinz schließen. Aus dem Schnürboden hängen in drei Reihen flauschig gemalte Wolken, ebenso viele Wolkenpaare stehen auf dem Boden Parade. In diesem Bühnenhimmel, gemalt von Christoph Rufer, fehlt nur noch das Personal. An Schnürln hängend watschelt es aus den Kulissengassen heraus. Mit einem Herrn Stadtrat (Michael Scherff) im graugrünen Jägeranzug an der Spitze. Seine sozialistische Ortsgruppe lädt zum Sommerfestl. Doch die "Faschisten" vom Ort wollen es mit einem Aufmarsch verhindern. 1931 hatte Horváths Volksstück in Berlin seine Uraufführung. Jeder wusste, wer mit den antisemitischen Hetzern gemeint war.

Die völkischen Radaubrüder bereiten ihren Angriff vor. Unter ihrem Druck beginnt in der roten Partei ein Richtungsstreit, ideologisch munitioniert durch Karl Marx, den Anarchopazifisten Gustav Landauer und den konservativen Antikapitalismus des Soziologen Ferdinand Tönnies. Mehr als die Faschisten interessierten Horváth die ihre Kräfte vergeudenden Linken. Er dramatisierte nicht die Angst vor den Braunen, sondern zaust ohne eigene Stellungnahme das Chaos bei den Roten.

Zeitnahe Sentenzen

Das Idyll trügt. - © Alexi Pelekanos
Das Idyll trügt. - © Alexi Pelekanos

Ein linker Kanzleiobersekretär (Tobias Artner köstlich schlaksig-verbogen) nennt alles relativ. Auch Menschelndes bremst die Solidarität - "Weibergeschichten" wie die des Genossen Karl (Tim Breyvogel als strohblonder Feuerkopf) mit der schönen bürgerlichen Leni (Marthe Lola Deutschmann). Der Chefideologe Martin (Silja Bächli weltverdrossen in einer chaplinesken Hosenrolle) schickt seine Freundin Anna (Bettina Kerl) zum Aushorchen eines Paradefaschisten (Tilman Rose im Kniehosenkürlauf) "auf den ideologischen Strich".

Manche Sentenzen klingen zeitnah: "Ich habe mir ein Grundstück gekauft", sagt der rote Stadtrat. "Feiner Marxist!", schimpft ihn Chefdenker Martin. Er wird zum Schluss, ganz schön zweideutig, zum "Führer" ausgerufen. Denn "wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass dein Ausschluss ungerechtfertigt war, und wir bedauern es ehrlich, dass wir ihn so überstürzt gefordert haben; und wir werden nur dann reden, wenn wir gefragt werden."

Alia Luque, die junge Regisseurin mit spanischen Wurzeln und ersten Erfolgen im Burgtheater-Vestibül, strich Nebenfiguren, Wirtshauskulissen, Straßenkrawall und somit den halben Text. Diese Minimalisierung zwingt Schärfe ins Gesellschaftsbild, für das Horváths Wohnort Murnau nahe Garmisch als Vorlage gilt. Wo die linken Männer genauso ihre Gattinnen nur am Herd wünschen wie die Nazis. Worte aus den Marionettenmündern treffen wie Präzisionsschüsse. Kalt, weil kaum von Gesichtsmuskelspiel begleitet. Zudem symbolisieren die an Armen und Beinen festgemachten Fäden die buchstäbliche Abhängigkeit von einem wie immer genannten "Oben". Zwischen den Szenen schwellen Ohrwürmer aus mechanischen Rummelplatzorgeln an. Bedrückend schön eine stumme Szene im Halbdunkel, wenn zwei Menschen sich kurz einanderdrücken wie in Brechts Jahrhundertgedicht "Die Liebenden".

Urkomisch schon der Einzug der Puppenmenschen, jeder mit einer Maß Bier an den Lippen. Nun heißt es die Visage einfrieren, möglichst wenig Lidschläge, die Bewegungsmotorik nur links-rechts und oben-unten. Und das 100 Minuten lang! Die fordern auch vom Publikum viel Konzentration. Ein großes Aufatmen danach in St. Pöltens Stadttheater, und langer Applaus.