Politische Stücke sind immer heikel. Zu gerne beklatscht der Zuschauer sie weit unter seinem Niveau nur aus dem Grund, dass sie auf der Bühne seine politische Meinung artikulieren. Für das Theater gewonnen ist dadurch ebenso viel wie für die Politik, nämlich gar nichts. Ausnahmeerscheinungen sind Mangelware.

Eine davon ist derzeit im Grazer Schauspielhaus zu sehen, und sie ist so unglaublich gut, dass man hofft, eine Bühne möge sie nach Wien holen. "The Hills Are Alive" von Neville Tranter, gespielt von ihm selbst und seinem ehemaligen Schüler Nikolaus Habjan, die erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen: Die stehenden Ovationen des Publikums gibt’s nach eineinhalb Stunden völlig zu Recht.

Tod als Folge der Politik

Das uralte Musicalstar-Ehepaar Max und Maria von Trüb, das einst vor den Nationalsozialisten aus Österreich ans in die USA geflohen ist, möchte in seine alte Heimat zurück, weil der amerikanische Präsident in seinem Mauerbaufuror auch durch den Vorgarten der Trübs einen Wall baut. Doch die Einreise gestaltet sich schwierig. Der Grenzposten möchte endlich einen Schussbefehl bekommen, ein gewisser Frickl, der möglicherweise Innenminister ist, findet immer noch einen Stein, den er der Einwanderung in den Weg legen kann, da hilft auch die Prominenz des Paars nichts. Schließlich schaltet sich ein bedeutender Steirer ein, um den Fall, "hasta la vista, baby", zu terminieren. Doch die Dehumanisierungswelle spült ihn ins Gefängnis. Und endlich kann der Grenzposten von der Schusswaffe Gebrauch machen. "The hills are alive", haben die Trübs geträllert - jetzt ist Maria von Trüb tot. Ohne Sinn, ohne Notwendigkeit, ohne konkreten Anlass, es ist einfach die Folge der Politik.

Immer wieder ist das Lachen im Hals stecken geblieben, wie es bei guter Satire sein muss. Dieses Ende ist dann der Faustschlag in die Magengrube. Spätestens jetzt mutiert die Puppensatire zur menschlichen Tragödie.

Rot-weiß-rote Fahne, Alpenpanorama und ein verliebter Ziegenbock spielen mit Österreich-Klischees und schaffen neue - nur trügt die Idylle im türkis-blauen Wunderland, das selbst die Trüb-Familie zu unerwünschten Immigranten erklärt. Der Trapp-Mythos trifft auf eine Welt, die mit Waffen und bösartigen Gesetzen heil gehalten wird.

Gespielt wird in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Habjan und Tranter bewegen acht Klappmaulpuppen in rasantem Wechsel - Tonfall inklusive: Zwei Puppenspieler mit den Sprachebenen dreier Puppenpersönlichkeiten gleichzeitig - da bleibt der Atem weg. Tranter und Habjan gönnen sich und dem Publikum Insider- und Metawitze, Bitterböses und Nur-Lustiges. Nur der wache Zuschauer bekommt die Gags mit. Timing, Pointen, Akzente sitzen perfekt.

Tranter und Habjan haben längst das Puppenspiel auf eine neue Ebene gehoben. Den beiden Ausnahmekünstlern gelingt es, die Natürlichkeit zu brechen und gleichzeitig die Brechung zu überwinden. Der Zuschauer ertappt sich dabei, mit den Puppen mitzufiebern. Das hat Habjan jüngst auch am Burgtheater mit der überwältigenden Satire "Böhm" vorgeführt. Doch "The Hills Are Alive" wagt und gewinnt noch mehr: Der Verflechtung von schwarzem Humor, Kabarett, politischem Statement und, ja, auch dies: Zärtlichkeit erwächst eine ganz eigene Bühnenpoesie, bitterböse und grell, gewiss, aber auch getragen von einer humanistischen Gesinnung. Der aktuelle politische Bezug hat sich zwar vorerst in Nachbeben und Nachwehen aufgelöst. Doch der Appell von Tranter und Habjan ist unüberhörbar ein flehentliches "Nie wieder".