Er ist schon ein Tschapperl, dieser Giustino. Tennissocken trägt er und kurze Hosen, liegt in einem schäbigen Hotelbett, träumt sich aus dieser Welt fort, die keine Heldenrolle für ihn bereithält. Einspruch!, schreit es da aus der Götterwelt. Fortuna selbst macht sich anheischig, die Tatkraft des Dösers zu wecken. Mit Götterhaarwelle betritt sie die Bettkammer und wirft sich in Pose. Nur leider: Der Schlummerer nimmt davon keine Notiz. Also muss die Göttin notgedrungen ihre Würde untergraben - und auf der Matratze herumhopsen.

Er hat seine possierlichen Momente, dieser Abend: Die Wiener Kammeroper hat Georg Friedrich Händels raren "Giustino" (1737) ausgegraben und zu einem grotesken Kostümkorso aufgeputzt. Die eigentliche Handlung (die Kaiserkrönung eines Bauern) interessiert hier nicht. US-Regisseur James Darrah schickt die Barockoper in die amerikanische Mojave-Wüste, irgendwann in die Zeit rund um 1970. Giustino hat sich in einem abgewetzten Motel einquartiert und gerät alsbald zwischen die Fronten verfeindeter Sektenkulte. Schillerbunt anzusehen, wirbeln diese Orgiasten über eine Bühne, die in ihrer Gammelnostalgie an das Kino der Gebrüder Coen erinnert. Hyperaktiv stürmen die vielen Gefühlsumschwünge der Opera seria auf das Publikum ein - doch bis zur Pause längenfrei.

Packende Sänger: RafałTomkiewicz (Anastasio), Jenna Siladie (Arianna). - © Herwig Prammer
Packende Sänger: RafałTomkiewicz (Anastasio), Jenna Siladie (Arianna). - © Herwig Prammer

Klein, aber grob

Danach rächt sich, dass ausgerechnet eine Kammeroper Riesenwüste spielen will: Außer ein paar Kakteen ist nichts zu sehen von den beschworenen Weiten - dafür nun aber umso mehr Colt-Gefuchtel. Der Abend kippt vom Drolligen ins Dramatische, und die Regie reibt es einem mit allerlei gezückten Pistolenläufen unter die Nase. Eine grobe Überdosis an Drastik, die dann auch zu dem bizarren Ende passt, das der dreistündige Abend für die Händel-Hippies bereithält.

Knalliges kommt auch aus dem Orchestergraben, ist unter der Leitung des Dirigenten Markellos Chryssicos aber Trumpf. Nach einem Wackelstart gewinnt das Bach Consort Wien allmählich an Kontur und Kraft und feiert Händel als rasanten Rhythmiker. Vorangepeitscht von einem trockenen, drahtigen Sound (und dank der funky Laute von Jakub Mitrik), wirkt Händel hier nahezu wie der Ahnherr des amerikanischen Pop-Gotts Prince. Einnehmend aber auch das Feingefühl, mit dem die Continuo-Gruppe im klagenden Moment Vorhalte webt und wieder aufzudröseln versteht. Kurzum: Ein Glücksfall, dieses Kleinorchester - was sich beileibe nicht nach jeder Kammeropernpremiere sagen lässt.

Gewinnend auch das Gros der Sänger. Meili Li stattet den Giustino mit Patscherlgesten und hübschen Spitzennoten aus, auch wenn ihm die Partie wohl hier und da zu tief liegt. Rafał Tomkiewicz, als blitzäugiger, bekränzter Anastasio zugange, qualifiziert sich zum Nero der nächsten Generation und begeistert mit einem minzfrischen, schier mühelosen Counter. Jenna Siladie (Arianna) berückt als dramatische Grazie in Klang und Bild, Tatiana Kuryatnikova (Leocasta) und Ilona Revolskaya (Fortuna) bereichern das Stimmgefüge mit einer klangschönen Lebendigkeit. Insgesamt doch eher ein Abend für das Ohr, so sehr das Auge von rabiaten Retrofarben gereizt wird. Das Premierenpublikum ließ sich die gute Laune jedenfalls nicht vergällen und spendete Gießkannenapplaus für alle Beteiligten.