Als der Vorhang sich hob und die futuristisch-kubistische Dekoration einer Kerkerzelle mit windschiefen Türen und kabbalistischen Zeichen an den Wänden sichtbar wurde, da begann man Schlimmes zu ahnen." Bei der Uraufführung 1921 in der Neuen Wiener Bühne in der Wasagasse gaben das "Neue Wiener Tagblatt" und die "Prager Presse" dem Debütstück von Maria Lazar keine Chance. "Es fehlt darin der Kopf schon vor der Hinrichtung", ätzte Robert Musil über den Einakter "Der Henker". Nur biografische Attraktion und Pietät sprechen für die Mühe, diese dramatische Winzigkeit heute auf die Staatsbühne zu stellen. Maria Eis, später schwere Heroine im Burgtheater, und Karl Forest (recte Obertimpflinger, Bruder von Lina Loos, 1944 in Wien-Lainz ermordet) gaben 1921 die Hauptrollen. Der erste Regisseur G. W. Papst inszenierte 1931 den "Dreigroschenfilm" von Brecht und Weill. Maria Lazar, durch Heirat mit dem Frank-Wedekind-Sohn Friedrich Strindberg schwedische Staatsbürgerin, begleitete Bert Brecht und Helene Weigel ins erste Exil nach Dänemark.

Zurück in die helle Zelle. Ein reueloser Gurgelschneider verlangt in seiner letzten Nacht den Vollstrecker kennenzulernen - einen Scharfrichter mit Handbeil, unaufgeregt wie auch der Staatsanwalt und der Pfarrer. Jeder in diesem amtspersönlichen Trio will nur seine Pflicht tun. Die damals 26 Jahre alte Großbürgertochter Lazar (1895- 1948) war noch gefühlsgefangen im Weltkrieg. Dem emotionslosen Töten auf Befehl stellte sie - übrigens drei Monate nach dem Wiener Skandal-"Reigen" - Visionen von lustvollen, blutrünstigen Gemetzeln entgegen. In der Männerwelt, denn in der Todeszelle sitzt kein Frauenmörder. Der will, dass der Henker so gierig wie er selbst das Messer führt. Die Hoffnung wächst, als er eine Hafennutte anstiftet, den Sohn des Henkers zu massakrieren. Der Vater bricht danach zusammen. Der Mörder rennt sich selber das Messer in die Brust.

Der Mörder will die "Dirne" zum Mord anstiften: Sarah Viktoria Frick und Itay Tiran. - © APAweb/apa/Roland Schlager
Der Mörder will die "Dirne" zum Mord anstiften: Sarah Viktoria Frick und Itay Tiran. - © APAweb/apa/Roland Schlager

Spiel auf der Zeitlinie

Mateja Koležnik musste heuer aus gesundheitlichen Gründen Gorkis "Sommergäste" in Salzburg absagen. Nun ist sie wieder da! Mit kühler Strenge und wohldosierter Raffinesse füllt sie den kurzen Text in einen 90-Minuten-Abend. Raimund Orfeo Voigts Bühnenzelle folgt mehr der klinischen Lineatur des Bauhauses als dem windschiefen Expressionismus. Ein monumentaler Taschenspielertrick, in dem sich ein und dasselbe Interieur doppelt gebaut öffnet für Wiederholungen in ein und derselben Textschleife. Das gesprochene Wort wird so auf wechselnden Podesten zelebriert. Obwohl es selten tiefsinniger tönt als ein Groschenroman, aber angereichert ist mit Signalvokabeln aus der expressionistischen Lyrik wie Blut, Nacht, Gott, Uhr, Hund.

Ein Spiel auf der Zeitlinie, vor und zurück. Der dramatische Expressionismus illustriert Denkfiguren in wechselnden Tonhöhen und jähen Gefühlswandeln. Die Neonröhren an der Decke, Tag und Nacht verschummelnd, flackern nicht zufallsgesteuert. Itay Tiran durchmisst wie ein gefangenes Tier den Käfig. Eine Paraderolle weit über den üblichen Häfnbahöö. Der Israeli mit Akzent steigert sich in die unterschiedlichsten Varianten von Aggression und Beherrschtheit, und Grob- und Zärtlichkeit zur Dirne. Sarah Viktoria Frick, von Ana Savić-Gecan dürftig eingekleidet, erscheint wie aus dem Nichts mit Feuer und Gebraus - und bleibt doch das Motiv schuldig, warum sie für den Lustkunden von gestern morden geht. Dieser Helferin im Gefängnis ein- und auszugehen, erlaubt der korrupte, hurengeile Kerkermeister. Der Reinhardt-Seminarist Tilman Tuppy führt hier punktgenau Chaosregie.

Hans Dieter Knebel (Staatsanwalt) und Gunther Eckes (Priester) sind zu ordentlicher, das heißt langweiliger Amtlichkeit geführt. Unter Martin Reinkes Schnurrbart versinkt die Sprache oft in Genuschel. Das reumütige Ende dieses Scharfrichters, wie er knieend neben dem selbstgemordeten Mörder ein Vaterunser murmelt, wird zu Beginn gezeigt. Das Spiel müsste also - Aufhebung der Zeit in der Endlosschleife! - wieder anfangen. Viel Applaus und Ratlosigkeit.