Angekündigte Revolutionen finden nicht statt, herbeigeschriebene Skandale oft auch nicht. "Orlando", die Uraufführung der streitbaren Zeitgenossin Olga Neuwirth an der Staatsoper, ging am Sonntagabend konfliktfrei über die Bühne. Eine Minderheit nutzte den Schlussapplaus zwar, um der Komponistin ihren Unmut zu bekunden. Die Buhrufe wurden aber rasch vom Befürworter-Jubel überdeckt. Da hätte man sich mehr Knirschen im Gebälk des konservativen Hauses erwartet.

Kontrastreicher gerieten die drei Opernstunden selbst. Das liegt einerseits daran, dass Neuwirth eine rund 400 Jahre dauernde Handlung entsprechend vielfältig klingen lässt: Sie setzt die Koloraturen der Barockwelt ebenso ins Werk wie Rockschlagzeug und E-Gitarre, verfremdet ihre Anleihen und überlagert sie mit flirrenden Dissonanzgestöbern. Kontrastreich ist dieser "Orlando" aber auch wegen eines anderen, eher unfreiwilligen Umstands – nämlich durch ein steiles Qualitätsgefälle. Einer fulminanten ersten Hälfte folgt eine durchwachsene, überdehnte Fortsetzung.

Handlungsschwund

Verantwortlich dafür sind Unwuchten im Textbuch. Catherine Filloux und Neuwirth haben es in dem Versuch verfasst, Virginia Woolfs gleichnamigen Roman (1928) auf die Opernbühne zu verfrachten – eine schillernd fiktive Biografie. Im Zentrum steht Orlando, eine Kunstfigur im doppelten Sinn: Der dichtende Edelmann aus der elisabethanischen Zeit wacht nach einem langen Schlummer unverhofft als Frau auf und lebt nach dieser Geschlechtsumwandlung bis ins 20. Jahrhundert – charakterlich unverändert, wie das Buch festhält, und ohne maßgeblich zu altern.

Neuwirths erste Opernhälfte verdichtet diese Vita rasant, führt im Zeitraffer vom galanten Knaben der Kleinen Eiszeit zur gelehrten Frau vor den viktorianischen Fabriken. Dabei hält sich die Musik fern von aller Kulinarik, kitzelt das Ohr aber mit einem Füllhorn an Farben, federnden Rhythmen – und auch mit Humor. Satirische Auftritte (wie vom selbstverliebten Literaturkritiker Mr. Greene) und verzerrte Zitate (Purcells "Cold Song") versprühen ähnlichen Witz wie Woolfs spitze Feder. Auch der Spannungsaufbau gelingt, formt die Kernszene zum Meisterstück: Neun Solo-Blechbläser versuchen, Orlando mit wachsender Lautstärke wachzutröten. Auf dem Spannungsgipfel reckt er dann tatsächlich die Glieder – und gibt ganz still sein verändertes Geschlecht bekannt.

Nach der Pause leidet der Abend allerdings an Spannungsschwund. Woolfs Roman reicht bis 1928, dem Jahr der Buchveröffentlichung; Neuwirth spinnt ihren "Orlando" dagegen bis 2019 fort – doch ohne ausreichendes Handlungsfutter. Videos und Tonband-Zuspielungen drängen nun ins Zentrum, beweisen enzyklopädischen Ehrgeiz. Zweiter Weltkrieg, Atombomben-Abwurf, Hippie-Kultur, Vietnam, Yuppies, Internet, LGBTQ-Bewegung, Donald Trump, Fridays For Future: Alles poppt kurz auf, ordentlich sortiert.

Quietschbunte Feier der Diversität

Doch vor lauter Welthistorie kommt "Orlando" eine bühnentaugliche Geschichte abhanden. Viel erfahren wir nicht mehr über die Heldin. Schließlich reckt sie, näher an Neuwirth als an Woolf, die Feministenfaust: Protest! Dann übernimmt eine Agitprop-Show die Bühne: Eine Stimme ungewissen Geschlechts (Justin Vivian Bond) ruft zur quietschbunten Feier der Diversität auf; die Musik dazu, zwischen Avantgarde und Pop, trübt sich Mischgrau ein. "Wir sind alle verschieden. Was wir haben müssen, ist Menschlichkeit", lautet die Botschaft. Wohl wahr. Was eine Oper aber nötig hätte, ist ein Spannungsbogen – der ist längst gerissen.

Was bleibt? Eine grandiose (erste) Musikstunde, eine Vielzahl an Videos (Will Duke) – und die tatsächlich kolossalen Kostüme vom Modelabel Comme des Garçons, die vor bizarr-bunten Barock-Bezügen nur so strotzen. Beifall freilich auch für die Sänger in der soliden Regie von Polly Graham – allen voran für Kate Lindsey als koloraturenreiche(n) Orlando, Counter Eric Jurenas als Schutzengel, Anna Clementi in der Sprechrolle der Erzählerin – und für das Staatsopernorchester, vor dem sich Dirigent Matthias Pintscher zuletzt besonders dankbar verbeugte.