Schonungslos protokollierte die 1935 in Ungarn geborene Autorin Ágota Kristóf in ihrem späten Romandebüt "Le grand cahier" (1986) in der Rückschau die Geschichte zweier Brüder, die durch Krieg, Mitmenschen und die selbst auferlegten "Übungen zur Abhärtung" bis zur Unkenntlichkeit verrohen. Vom Ende her erzählt auch Sara Ostertag in ihrer aktuellen Inszenierung am Wiener Kosmos Theater die Geschichte: als eine von Szene zu Szene rasender werdende Verabschiedung von einer liedgetränkten Vergangenheit. Dabei zeigen sich die Hauptfiguren hier als "blinde" Schauspielerin und stumme Tänzerin.

Musikalisch ist der ganze Abend, doch wo einst Musicals in Cinemascope die Kinderseelen wohlig wiegten, starren in dieser menschlichen Wüste nur mehr die toten Augen der skelettierten Seelenlosen. Fast alle werden sterben in diesem sound- und farbdurchtränkten Schützengraben, nachdem sie sich durch die Erzählung getanzt, gesungen und sich mit und ohne Getier wollüstig im sandigen Traumafeld gesuhlt haben.

Kristófs Roman über die Entmenschlichung anhand eines Zwillingspaares, das sich Aufsatz für Aufsatz in der Abhärtung übt, bis nichts mehr bleibt vom Kindsein als die bunte Hülle (hier eine Micky-Maus-Bemalung auf nacktem blauem Leib), gerät in Ostertags Regie zur schrillen Show mit zahlreichen popkulturellen Referenzen. So klug jeder einzelne Ansatz der Inszenierung auch ist: Sie verliert sich rasch im schieren Übermaß an szenischen Mitteln und interpretatorischen Farbklecksen. Ein buntes Ei weniger hätte hier gutgetan.