Polen liegt an der Wien, hätte man am Sonntag meinen können. Denn nicht nur die gesungene, auch die in den Pausenräumen gesprochene Sprache war da großteils das Polnische. "Halka", die 1858 uraufgeführte tragische Oper von Stanisław Moniuszko, erlebte ihre umjubelte Österreichpremiere und durch das Theater an der Wien wehte folglich das Flair der polnischen Nationaloper. Das lag nicht nur an der polnischen Abstammung des Leading Teams und der meisten Solisten: Das Werk selbst gilt vielen Polen als Nationaloper schlechthin. Ein Ruf, der die romantische wie dramatische Komposition bisher nur selten über die polnischen Landesgrenzen hinaus getragen hat, nach Österreich bis dato noch nie.

Dass es bei der Produktion jedoch nicht vorrangig um die Wurzeln oder die Nationalität der Mitwirkenden geht, ja das Stück ein packendes menschliches Drama birgt und keinesfalls ein Nationaldrama verhandelt, machte die Premiere dann schnell klar.

Thriller in cooler Schwarz-Weiß-Optik

Janusz (Tomasz Konieczny) bringt die Tragödie ins Rollen, als er sich gegen die Liebe zu Halka und für eine Ehe mit der reichen Zofia entscheidet. - © Monika Rittershaus
Janusz (Tomasz Konieczny) bringt die Tragödie ins Rollen, als er sich gegen die Liebe zu Halka und für eine Ehe mit der reichen Zofia entscheidet. - © Monika Rittershaus

Die bäuerliche Folklore des Werks hat Regisseur Mariusz Treliński gegen eine unterkühlte Krimi-Ästhetik getauscht. Statt des späten 18. wählt er das 20. Jahrhundert und lässt die Handlung in einer silbrigen Glitzer- und Schlaghosenhölle der 1970er Jahre spielen. Bei den Kostümen von Dorothée Roqueplo mit weißblonden Mähnen, weißen Lackstiefeln und Kleidern in psychedelischen Mustern endet die liberale Flower-Power jedoch abrupt. Wer in diesem architektonischen Klischee eines Glasfronten-Hotel-Kastens (Bühne: Boris Kudlička) Herr und Diener ist, weiß die Oberschicht deutlich klarzumachen.

Erzählt wird das Drama sprunghaft in Rückblenden und Erinnerungsschleifen aus der Perspektive des Janusz. Dieser hat sich gegen die Liebe zu Zimmermädchen Halka und für die Ehe mit der Tochter des Hoteldirektors Zofia entschieden. Bei der Hochzeit der beiden eskaliert die Situation und spitzt sich zu - bis zum Tod der ge- und enttäuschten Halka und deren Kind.

Die Zeitsprünge sind nicht alle stringent, verleihen dem Erzählstrang jedoch eine filmische wie rätselhafte Beschleunigung. Die Figuren sind präzise an mancher Klischeefalle vorbei geführt, die Balance aus grellem Trash und nacktem Schauer ist speziell, jedoch auch dank der Lichtregie (Marc Heinz) in sich stimmig. Das finale Drama vermögen diese Kontraste nicht aufzuhalten, im Gegenteil: Sie treiben die Figuren förmlich in Spiralen darauf zu.

Diese coole und teils beklemmende Thriller-Optik der szenischen Umsetzung kontrastiert nicht nur die Tragödie an sich, auch Dirigent Łukasz Borowicz präsentiert im Graben einen deutlichen Gegenentwurf. Um Psychologisierung und Differenzierungen geht es ihm wenig, satte Farben und großer Klang stehen im Zentrum seiner fast überschwänglichen Lesart. Die Musikerinnen und Musiker des RSO Wien lassen sich ganz in die dramatisch-romantischen Klangwelten des Stanisław Moniuszko hineinfallen und schwelgen hörbar freudig in Opulenz.

Große Stimmen im üppigen Klang

Dass dabei ein üppiger, doch stets balancierter Gesamtklang herauskommt, liegt an den großen Stimmen des Abends, die sich mühelos zu behaupten verstehen. Tomasz Konieczny legt den Janusz stimmlich in beeindruckend heldischer Breite an und zeigt einen getriebenen Mann, den es zwischen Liebe und vermeintlicher Pflicht zu zerreißen droht. Stimmlich differenziert kann Piotr Beczała als Jontek Halka auch mit all dem Stolz und Schmelz seines Tenors nicht retten. Corinne Winters in der Titelpartie wirkt zu Beginn in der präzisen Klarheit ihres Soprans etwas eintönig, steigert sich jedoch zum Finale. Gut in dieses auch darstellerisch starke Trio - alle gaben ihr Rollendebüt - fügen sich Natalia Kawałek als schnippisch naive Zofia und Alexey Tikhomirov als deren machtvoller Vater.

Was nach all dem finalen Jubel und ein Paar Buhrufen für die Regie bleibt: Ein packender Opernabend, an dem "Halka" ihren Ruf als Nationaloper zugleich bestätigt - und auch sprengt. Denn das dicht gestrickte Liebesdrama ist auch für nicht-polnische Ohren und Augen eine Entdeckung.