Die Dramaturgie fängt mit der Gestaltung der Figuren an, der Auswahl der Objekte, der Suche nach der passenden Metapher", sagt Julia Reichert über die Entstehung eines Theaterabends mit bewegten Sachen. "Puppentheater soll nicht zwangsläufig lieblich sein", umreißt die Prinzipalin ihre Mission: "Es geht um die Abstraktion."

Vor nunmehr 30 Jahren hat Reichert gemeinsam mit Christopher Widauer das Kabinetttheater gegründet, zunächst in Graz stationiert, ist die Kleinbühne seit 1996 in der Porzellangasse 49, in Wien-Alsergrund beheimatet. Im Hinterhof, in einer ehemaligen Fabrikhalle, bietet die Bühne Platz für maximal 60 Zuschauer. Wer das Kabinetttheater betritt, besucht nicht nur ein Theater, sondern auch das Atelier, in dem die Figuren entwickelt werden, und Reicherts Wohnung. "Das hat sich so ergeben", sagt die Theatermacherin, "und erweist sich als fruchtbar. Der intime Rahmen vermittelt eine besonders Atmosphäre." Im Zentrum der Bühnenarbeit steht seit jeher die Auseinandersetzung mit Literatur. Mit Stücken der Expressionisten, Dadaisten, der russischen Avantgarde und zeitgenössischen Autoren hat sich die vierköpfige Truppe rund um Reichert im Lauf der Jahrzehnte ein beachtliches Repertoire erarbeitet.

Wortwörtlich

Besondere Preziosen sind die Minidramen etwa von Wolfgang Bauer, Antonio Fian und jungen Autoren. "Der Charme der Minidramen liegt in der Verknappung", so Reichert, "es ist die komplizierteste Dramenform überhaupt." Die oft alle Regeln des Theaters sprengenden Ministücke scheinen wie geschaffen, für die wilden Fantasien der Puppenspieler. Der Witz liegt häufig darin, dass das Figurentheater die Sprache genauer beim Wort nimmt, als es ein reines Schauspielertheater vermag.

Unangefochtener Bühnenhit ist freilich Hugo Balls dadaistisches Krippenspiel, das seit 22 Jahren alljährlich in der Vorweihnachtszeit wieder aufgenommen wird. Am 21. Dezember feiert das Team mit diesem Erfolgsstück auch das 30-Jahr-Jubiläum. Wie üblich ist die Aufführungsserie bereits weitgehend ausverkauft. "Als wir das erste Mal das Krippenspiel gezeigt haben, hätten wir uns nie gedacht, dass wir das noch einmal aufführen werden", erinnert sich Reichert. "Aber es passt einfach."

Und es passt immer wieder: Hugo Balls dadaistische Weihnachts-Andacht wird mit den Mitteln des Figurentheaters in sieben Bildern erzählt, begleitet von einer gewitzten Laut-Partitur. Zur Inszenierung gehört auch der Duft von Bratäpfeln, die nach der Vorstellung serviert werden. "Der Austausch mit dem Publikum ist uns wichtig, bei uns hat das wirklich etwas Familiäres."