Wenn man den 34-seitigen Endbericht der vom Bund eingesetzten Sonderkommission Ballettakademie gelesen hat, drängt sich nur mehr die Frage auf: Wie kann das in unserer heutigen Gesellschaft passieren? Die Kommission war bereits diesen April vom damaligen Kulturminister Gernot Blümel eingesetzt worden, nachdem zuvor schwere Vorwürfe gegen die Wiener Ballettakademie laut geworden waren: Die Schüler seien durch eine bereits entlassene Ballettlehrerin gedemütigt und misshandelt worden – vom Treten gegen Knöchel war etwa die Rede. Psychischem und physischem Druck, Drill sowie einem ungesunden Körperbild sollen die Schüler ausgesetzt gewesen sein. Auch der Vorwurf eines sexuellen Übergriffs durch einen Lehrer stand im Raum.

Grenzüberschreitungen

Nach 16 Tagungen ist nun am Dienstag der Endbericht der Kommission unter Vorsitz von Susanne Reindl-Krauskopf, Vorständin des Instituts für Strafrecht und Kriminologie an der Uni Wien, veröffentlicht worden: Ein "fehlendes Bewusstsein für Grenzüberschreitungen", äußere sich zudem in "erniedrigenden Kommentaren", der Art der Maßregelungen zum Essen, "(vermeintlich) ästhetischen Anforderungen" und einer "unterentwickelten Kommunikationsstruktur von Seiten einiger Ballettpädagog/innen", ist hier vermerkt. Dies wirke im konkreten Umfeld umso schwerer, weil vor allem im hochleistungssportlichen Bereich, zu dem auch das klassische Ballett und die entsprechende Ballettausbildung zähle, "die Gefahr besteht, dass Übergriffe von den Betroffenen eher ertragen werden, um ihren sportlichen bzw. tänzerischen Erfolg nicht zu gefährden".

Kommission ortet "Gefährdung" von Kindern.

Auch ein "Problembewusstsein in Bezug auf Kinderschutz und Kindeswohl fehlt in der Ballettakademie insbesondere auf Führungsebene". Für die Sonderkommission steht somit fest, "dass der Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Diskriminierung, Vernachlässigung sowie gesundheitlicher Beeinträchtigung nicht im notwendigen Ausmaß erfolgt". Die Kommission sieht "eine Gefährdung des Kinderwohls" auch durch "die unzureichend kontrollierte Gesamtbelastung der jungen Tänzer und Tänzerinnen, die sich aus Training, Proben, Auftritten, Wettbewerben und dem Schulbesuch ergeben. Erschwerend kommt das Fehlen einer weisungsfreien Kinderschutzbeauftragten hinzu".

Und auch auf die unzureichende medizinische Versorgung geht der Bericht ein: Rund 80 Prozent der Schüler kommen nicht aus Österreich, besitzen zwar eine gültige Versicherung in ihrem Heimatland, werden hier aber meist nur bei akuten Erkrankungen behandelt – Zahnspangen oder Hilfe bei Essstörungen sind dann ausgenommen. Es fehle an der Ballettakademie an einem entsprechenden "Bewusstsein für die eigene Verantwortung in Gesundheitsfragen", es gebe keinen verlässlichen Handlungsplan für medizinische Zwischenfälle, keinen "problemlos zugänglichen" Kinderfacharzt sowie "keine auf die Bedürfnisse von Balletttänzer/innen abgestimmte Ernährung".

Ferner gibt es Kritik am fehlenden Organigramm, Intransparenz oder "Unklarheiten in Bezug auf Aufgabenzuschreibungen und Verantwortlichkeiten". Die Leitung der Ballettakademie ging davon aus, dass nur Dinge verändert werden, wenn es von oben (also dem künstlerischen Leiter, der zugleich der Chef des Staatsballetts ist, oder vom Staatsopern-Chef) angeordnet wird. Ferner fehlen Kriterien für Prüfungen oder für das Aufnahmeprozedere neuer Lehrer – Ballettlehrer müssen hierzulande keine pädagogische Ausbildung abschließen, um zu unterrichten.

Zusperren, drängt sich nach der langen Liste der Kritikpunkte als erster Gedanke auf. Doch der Bericht spricht sich deutlich für einen Weiterbestand aus: Es gehe nun darum, "diese Ausbildung ins 21. Jahrhundert zu überführen" und schließt mit einem Appell an die Entscheidungsträger, den budgetären Rahmen für die Optimierungen zur Verfügung zu stellen.

Einige Maßnahmen umgesetzt

Indes hat die Staatsoper – wie aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch Kulturminister Alexander Schallenberg zu entnehmen ist – bereits einige Maßnahmen umgesetzt: Dazu zählt die Beiziehung der Kinderschutzorganisation Die Möwe und die Einrichtung einer Koordinationsstelle innerhalb der Staatsoper, "Basisschulungen" für Mitarbeiter und das neue Unterrichtsfach "Gesundheitsprogramm", das Ernährungslehre, Athletik/Verletzungsprophylaxe/Leistung/Training, Sportpsychologie und Body Awareness beinhaltet, auch werden physiotherapeutische Behandlung und Massagen in den Räumlichkeiten der Ballettakademie angeboten.

Die Sonderkommission erwähnt die Maßnahmen, hält aber fest, dass die "Vorgehensweise wie auch die Inhalte der getroffenen Maßnahmen bei der Kommission den Eindruck [hinterlassen], dass die Motivation dieser Änderungen nicht primär dem Wohl der Kinder und Jugendlichen gilt". "Vielmehr scheint es der Ballettakademie ein Anliegen zu sein, im Blick der Öffentlichkeit möglichst aktiv zu wirken, weil ein Gesamtkonzept noch nicht ersichtlich erscheint."

In ihrem Statement zur Veröffentlichung des Berichts am Dienstag hält die Wiener Staatsoper fest, dass "immer das Wohl der Kinder und Jugendlichen an oberster Stelle steht und stand". Ferner "wurden alle Maßnahmen gesetzt, um in Zusammenarbeit mit den zuständigen Behörden für eine lückenlose Aufklärung aller Vorwürfe zu sorgen sowie allfällige Missstände zu beheben." Eine "sorgfältige Durchsicht des Berichts" wird erst erfolgen, und die Staatsoper gehe davon aus, dass dabei auch einige nicht mehr dem aktuellen Status entsprechende oder missverständliche Inhalte richtiggestellt werden können.