Die Geschichte wäre eines E.T.A. Hoffmann würdig: Da schreibt ein hochbegabter Komponist eine Musik, die alles hat, was man von Musik erwartet, seit sie vor urdenklichen Zeiten erfunden wurde - nur eines nicht: modische Relevanz. So erfindet der Komponist einen Komponisten anderen Namens, der zu früheren Zeiten gelebt hat, und schiebt ihm die Werke unter. Doch Qualität setzt sich eben durch gegen alle Mode. Mit einem Mal wird der im Prinzip gar nicht existente Komponist an der Wiener Staatsoper aufgeführt, und sein eigentlicher Schöpfer, und damit der des Werks, bleibt hinter dem Pseudonym verborgen.

So liegen die Dinge im Fall von Albin Fries, dessen Kinderoper "Persinette" am kommenden Samstag an der Wiener Staatsoper Premiere hat. Vier Mal steht das rund einstündige Werk auf dem Spielplan - vier Mal ist es nahezu ausverkauft. Das ist für eine Oper der Gegenwart beachtlich.

Neue Musik (mit einem Großbuchstaben in "Neue") ist es freilich nicht. "Albin Fries" ist schließlich entworfen als ein Richard-Strauss-Zeitgenosse. Der Schöpfer hinter dem Pseudonym ist Gerhard Schlüsslmayr, seit 1985 Solokorrepetitor, seit 1989 Stellvertretender Studienleiter der Staatsoper. Ursprünglich war der 1955 in Steyr geborene Komponist Autodidakt. Dann hat ihm Leonard Bernstein Kompositionsunterricht erteilt. Um 1985 hörte Fries (bleiben wir bei diesem Namen, der mit den Werken verbunden ist) zu komponieren auf. Trotz der Postmoderne sah er keinen Sinn darin, Werke in einem - scheinbar - antiquierten Stil zu schreiben.

Der Entwurf des Turmzimmers für Albin Fries‘ Oper "Persinette". - © Michael Poehn/Wiener Staatsoper
Der Entwurf des Turmzimmers für Albin Fries‘ Oper "Persinette". - © Michael Poehn/Wiener Staatsoper

Erst 2005, nach 20 Jahren Pause, begann Fries erneut - und schrieb in schneller Folge Lieder, Kammermusik, die abendfüllende Oper "Nora" und "Tizian", eine Oper für den Konzertsaal nach Hugo von Hofmannsthal.

"Rapunzel" kann
man nicht singen

Soll man die außermusikalischen Aktivitäten nun Albin Fries oder Gerhard Schlüsslmayr zusprechen? - Wie dem auch sei: Gerhard Schlüsslmayr hat sich mit Botanik und Entomologie befasst, und das keineswegs nur als Hobby. Eines seiner drei Bücher in Sachen Botanik befasst sich mit der Moosvegetation des Leithagebirges, sein neuestes ist im heurigen Jahr erschienen und hat die Moose des Dachsteingebirges zu Thema. Im Juni 2018 gelang Schlüsslmayr die Entdeckung einer alpinen Fliegenart. Damit dürfte er der einzige Komponist sein, der auf der Basis eigener wissenschaftlicher Arbeit zwei Pflanzenarten und einer Insektenart den Namen gegeben hat.

Der musikalische Stil von Albin Fries setzt ungefähr bei Richard Strauss an, entwickelt diese Sprache: Fries’ melodische Bögen sind weiter gespannt, seine Harmonik scheint geschärfter, seine Instrumentierung mehr auf das Wesentliche gerichtet als auf die schiere Opulenz.

Auch Fries’ Tätigkeit als Korrepetitor färbt auf seine Werke ab: Er weiß genau, wie ein instrumentales Geflecht beschaffen sein muss, um eine Solostimme, speziell eine Singstimme zu tragen, und vor allem weiß er, was sanglich ist und was nicht.

Übrigens heißt genau aus diesen sanglichen Gründen die Titelgestalt seiner Kinderoper Persinette. So ist der Name der Prinzessin, an deren Haaren sowohl die böse Hexe als auch der gute Prinz den Turm erklimmen, in der französischen Form, die ihrerseits auf das Märchen "Petrosinella" in Giambattista Basile "Pentamerone" zurückgeht. Daraus machten dann die Brüder Grimm "Rapunzel".

Nachdem Staatsoperndirektor Dominique Meyer an Fries’ Projekt Gefallen gefunden und es in einen Auftrag umgewandelt hatte, entschieden sich der Komponist und seine Librettistin Birgit Mathon gegen die deutsche Form aus einem einzigen Grund: "Haben Sie versucht, ,Rapunzel‘ zu singen?", fragt Albin Fries augenzwinkernd.

Seinen bisher größten Erfolg hatte Fries im Sommer dieses Jahres: Nachdem er 2018 mit "Nora" den Budapester Béla-Bartók-Kompositionswettbewerb für Oper gewonnen hatte, wurde diese Oper ein Jahr später beim international renommierten Opernfestspiel in Miskolc mit denkbar großem Erfolg uraufgeführt: Es schien, als wäre die Zeit reif für eine an allen Moden vorbei komponierte, wunderbar romantische Oper über die Liebe.

Und nun ist wohl auch die Zeit für eine Märchenoper gekommen, die den hohen Ansprüchen dieses Genres gerecht wird.