Und ein Buch wird aufgeschlagen, treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen." So steht es im Hymnus "Dies Irae". Der beschreibt, wie man sich im Mittelalter das Jüngste Gericht, vorgestellt hat. Der designierte Volkstheaterdirektor und für sein "Überwältigungstheater" bekannte Regisseur Kay Voges hat sich dieses "Tags des Zorns" nun im Burgtheater angenommen - am Donnerstag wurde die "Endzeitoper" uraufgeführt.

Mit einem Fall ins Bodenlose beginnt der Abend: Riesig wird projiziert, wie ein Mann durch Häuserschluchten stürzt. Und stürzt und stürzt. Mit verschiedensten Gesichtsausdrücken: erst noch entsetzt, irgendwann amüsiert. Es ist ein Vorbote, für das, was folgen soll: ein langes Warten auf den Knall.

Denn das Konzept von Kay Voges und Ko-Gestalter Alexander Kerlin orientiert sich am Loop, also einer Wiederholungsschleife. Die findet sich in der Musik von Paul Wallfisch genauso wie in der Szenenanordnung und im Bühnenbild von Daniel Roskamp, einem sich drehenden Perpetuum Mobile. Zu sehen ist eine Art Trailerpark hinter einem Friedhof mit Waschmaschine. Eine Flugzeugkabine ist das Hotel Eden, das in einem eher platten Buchstabendreher zum Hotel Ende wird.

Das Ende lässt aber auf sich warten. Und zwar schon ziemlich lange. Immerhin ist ja auch der "Dies Irae" schon aus dem Mittelalter. Die Offenbarung des Johannes ist noch älter. Und Markus Meyer zählt in Rocky-Horror-Riffraff-Anmutung die Jahreszahlen herunter, an denen die Welt hätte untergehen sollen: "Das Ende naht." Erstmals 562 vor Christus. Und dann noch sehr oft, bis morgen. Und wenn nicht morgen, dann wahrscheinlich 2519.

Altbackener Sex

Dieses Warten aufs Ende illustriert "Dies Irae" auf einigen Ebenen: Ein Flugzeug, das gerade abstürzt, ein alter Mann (Martin Schwab) in den letzten Zügen, zwei Clowns (Mavie Hörbiger und Katharina Pichler), die in irgendetwas Unausweichliches stolpern. Auch auf einen Orgasmus wird gewartet - die im Vorfeld aufgeregt ventilierte Live-Sex-Szene ist freilich einer der weniger wirkungsvollen Momente: Der zackige Zusammenschnitt, der "kleinen Tod" und "großen Tod" miteinander verschränkt, wirkt klischeehaft und altbacken.

In sieben Siegeln, wie in der Johannes-Offenbarung, reitet das Stück in Richtung Untergang. Davon heißen vier Siegel "History repeating": Wie sich die Geschichte wiederholt, so wiederholen sich auch einzelne Bilder: Jedes "Kapitel" beginnt etwa damit, dass einer aus einem Traum hochschreckt. Ist alles nur ein Traum? Die wild inspirierte, Sogwirkung herstellende Musik (live spielen Larry Mullins, Simon Goff, Paul Wallfisch) führt einen auf diese Fährte, auch die Geschehnisse im Flugzeug, in dem Menschen verschwinden - ein Setting, das aber auch an einen popkulturellen Hintergrund erinnert, den Katastrophenfilm. An japanische Horrorfilme wiederum gemahnen die zwei Todesengel in Weiß (extrem präsente Bibelrezitation: Elma Stefania Agustsdottir) und Schwarz (die ätherische Sängerin Kaoko Amano). Auch "2001 - Odyssee im Weltraum" wird zitiert: Eine Frau im Abendkleid und Affenmaske spielt mit einem Knochen. Was ist die Evolution auch anderes als ein Warten darauf, dass man endlich so weit ist, sich selbst auszulöschen.