Zeitgenossenschaft ist eine relative Sache. Da kommt es mitunter zu markanten Verschiebungen und Paradoxien innerhalb einzelner Persönlichkeiten. So wie bei Albin Fries, dem Komponisten der jüngsten Staatsopernuraufführung. Fries lebt ganz offenkundig heute, also im 21. Jahrhundert. Die Musik, die er schreibt, seine künstlerische DNA also, ist jedoch vielmehr Zeitgenossin eines Richard Strauss, vielleicht auch eines Gustav Mahler oder Richard Wagner.

Albin Fries` Oper "Persinette" jedenfalls, eine von Librettistin Birgit Mathon neu erarbeitete Fassung des Rapunzel-Stoffes mit Happy End - und das heißt hier Hochzeit für alle -, erwies sich bei der Uraufführung am Samstag im großen Haus als voller Erfolg.

Die eingängigen Melodienbögen laden das Ohr zum Verweilen ein, die Partitur ist schwelgerisch und doch pointiert gearbeitet. Die Singstimmen sind klassisch bis dramatisch geführt und je nach Szene von einem zart lieblichen oder markant eindringlichen Instrumentalteppich getragen. Fries versteht sein spätromantisches Handwerk, arbeitet gekonnt mit Leitmotiven und Naturlauten, die Duette und Ensembles sind stimmig, die Balance stimmt. Dirigent Guillermo García Calvo und das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper realisieren die gut einstündige Partitur mit viel Elan, Dynamik und Verve.

Grüne Haare und Glitzerumhang

Auch das Sängerensemble fügt sich nahtlos in diese heitere Stimmigkeit: Mit Monika Bohinec als präsente (aber nicht zu böse) "Hexe" Alse mit grünen Haaren und Sternchen-Zauberstab, Lukhanyo Moyake als Schmelz verströmenden Prinzen mit Glitzerumhang, Sorin Coliban als sonor tönender verzauberter Rabe Abrasax und Bryony Dwyer als jugendlich lyrische in den Turm gesperrte Titelheldin mit überlangem Haar.

Auch ein Kinderchor darf hier nicht fehlen. Am Ende siegt die alles bezwingende Liebe, glänzende Heliumballons tragen den feinen Brautschleier. Die Inszenierung des Auftragswerks der Staatsoper durch Matthias von Stegmann unterstreicht den durch und durch qualitätsvollen Charakter der Produktion. Die wandelbare Bühne, die detailverliebten Videoarbeiten und stimmungsvollen Projektionen von Marc Jungreithmeier lassen knallig bunten Märchenzauber aufkommen und mit viel Witz die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. Sogar das Libretto spielt sprachlich mit längst vergangenen Zeiten.

Kurzum: In seiner gut gearbeiteten Altbackenheit ist diese Produktion die fast schon zu perfekte Miniaturform der Realität von Oper. Nur dass weder Tenor noch Sopran tragisch sterben müssen, nach einer Stunde alles gut ist und nicht nur Kinderaugen strahlen. Erwachsene Operngeher haben hier die Möglichkeit, den Kleinen die große Welt der Oper en miniature zu präsentieren. Mit allem, was dazugehört - vom süßen Herzschmerz bis zum markanten Paukenschlag. Gebaut auch aus so manchem Opern-Klischee, die Grenze zum Kitsch im besten Sinne mitunter überschreitend.

Liebevolle Vergangenheitspflege

Die Zeiten, in denen eine Epoche ihren Künstlerinnen und Künstlern mit stilistischen Vorschriften ein Korsett des Verbotenen und Erlaubten vorgegeben hat, neigen sich einem Ende zu. Erlaubt scheint, was gefällt. Dem eigenen oder dem fremden Ohr. Aber ist Musik, die 2019 im spätromantischen Stil komponiert wird, noch heutig zeitgenössische, ja neue Musik? Wahrscheinlich nicht.

Seine Existenzberechtigung hat das Werk allemal, es fügt sich ohne Widerhaken ein in die liebevolle Vergangenheitspflege einer Kunstform mit viel Tradition. Wenn schon eine Opernzeitreise für Kinder, dann eine so bunte und lebendige wie diese. Was dieser Produktion dadurch jedoch fehlt, ist das Wagnis, das Überraschungsmoment, der Reiz des Neuen und der Mut, wenn schon nicht in die Zukunft, dann zumindest einen Blick in die Gegenwart zu riskieren. Der ist auch Kindern zumutbar.