Allabendlich ist sie auf den Bühnen dieser Welt zu vernehmen. Vom ersten Ton bis zum Schlussapplaus gibt sie ihr Bestes, häufig als eine Art Rückgrat der Theateraufführungen, dennoch wird kaum über sie gesprochen, in vielen Kritiken wird sie zumeist übergangen: die Theatermusik. Dabei ist Musik - vielmehr: Geräusche, Klänge, Soundlandschaften, Effekte, Sprachverzerrungen - aus dem Gegenwartstheater nicht mehr wegzudenken. Bühnenmusik, die all das integriert, was klingt und schwingt, ist zu einem wesentlichen Faktor im Zusammenspiel der szenischen Mitteln geworden.

Musik für wenige Abende

Das Klanggenre hat sich inzwischen Lichtjahre von jenen austauschbaren Kompositionen entfernt, die lange Zeit zwischen den Umbauten und als Ouvertüren eingespielt wurden. David Roesner, Professor für Theaterwissenschaft in München, hat nun mit dem Band "Theatermusik. Analysen und Gespräche" ein verdienstvolles Grundlagenwerk verfasst, in dem er den Status quo des Sujets erhob - und umfangreiche Interviews mit 21 Theatermusikern führte, darunter prägende Kräfte wie Bernd Wrede, der Brite Paul Clark und Pionierinnen wie Bernadette La Hengst.

"Theatermusik ist nicht ein Gegenstand, sondern eine kulturelle Praxis", schreibt Roesner: "Sie ist nicht fixierbares Ereignis, sondern ein kontinuierlicher Prozess." Was aber hat es mit dieser prozesshaften Praxis auf sich? Bislang ist das Feld kaum erforscht. Das fehlende Interesse der Musikwissenschaft liege, laut Roesner, vor allem daran, dass Theatermusik die längste Zeit über nur als "Gebrauchs- oder Gelegenheitsmusik" abgetan und ihr die Werkhaftigkeit abgesprochen wurde. Theatermusik beansprucht tatsächlich keine Werk-Autonomie, da sie Abend für Abend im Dienste des szenischen Spiels entsteht, angesichts immer raffinierterer Bühnenkompositionen lohnt es sich dennoch, die Bühnenmusik neuen Formats als Genre ins Visier zu nehmen.

Traditionell war die Theatermusik kaum mit den jeweiligen Aufführungen verwoben; es handelte sich meist um Auftragswerke, die als Umbaumusik oder - inspiriert durch das Vorbild Film - als atmosphärische Untermalung für Schlüsselszenen verwendet wurden. Inzwischen bestimmt die Theatermusik den Entwicklungs- und Probenprozess wesentlich mit: Musik durchdringt das Schauspiel. Häufig arbeiten Regisseure und Musiker über viele Jahre hinweg zusammen, entwickeln gemeinsam eine bestimmte Ästhetik, bei der Musik gleichwertiger Partner und integraler Bestandteil der entsprechenden Aufführung ist. Jüngstes Beispiel: die Burgtheater-Premiere "Dies Irae - Tage des Zorns", von Regisseur Kay Voges und Komponist Paul Wallfisch in enger Zusammenarbeit entwickelt.